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Die Predigt im Go!Special am 13. April 2008

Pastor Matthias Richter

“Spieglein, Spieglein an der Wand“ – Wie lerne ich mich selbst zu lieben?

Ein Brief flattert Ihnen ins Haus. Der Absender – zunächst unbekannt. Aber der muss Sie kennen, ganz gut sogar. Denn der Inhalt lässt Sie staunen. Da steht:

Liebe / Lieber-------

Ich finde es großartig, dass du fast immer den richtigen Ton triffst – auch in schwierigen Gesprächen. Und wie du anpacken kannst, wenn’s sein muss. Du hast tolle Begabungen. Ich weiß, du bist kein Supermann, na und? Deine Macken kennst du ja selbst. Ich jedenfalls freue mich jeden Tag, dass es dich gibt.

Natürlich ist dieses Beispiel konstruiert. Vermutlich würde es Ihnen mit so einem Brief so gehen wie mir: Ziemlich merkwürdig. Stimmt!

Aber der Punkt ist: Wenn ich – und ich denke, das werden Sie kennen - realistisch gelobt werde  – wenn anerkannt wird, was ich kann – dann verändert das meinen Tag. Wenn wir auch nur ein wenig ahnen, dass das stimmen kann, was da steht, dann wird das Wirkung haben - Sie beflügeln. Vielleicht sind sie leichtfüßiger – großzügiger – weniger ängstlich. Kurz: Sie werden sich selbst lieben – und genau das wird man merken.

Damit sind wir mitten drin im Thema. Ich glaube, dass die Frage nach der Selbstliebe ein brennendes Thema unserer Zeit ist. Ich treffe, gerade in der Seelsorge, immer mehr Menschen, denen es schwer fällt, mit sich zurechtzukommen, die sich nicht wirklich annehmen können und

Deswegen heißt es in der Bibel auch: “Du sollst Gott lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst.” Da wird die Liebe zu Gott und zu den Menschen in eine Reihe gestellt mit der Liebe zu sich selbst. Nur jemand, der sich selbst liebt, kann auch Gott und andere lieben.

Ich weiß, wie viele traurige Beispiele es in der Geschichte der Christen gibt, wie schwer man sich mit der Selbstliebe getan hat. Wie man hinter gesunder Selbstannahme gleich Selbstsucht, Überheblichkeit und Hochmut gewittert hat. Darum hat man sich zu manchen Zeiten in der Kirche lieber gegeißelt, statt sich zu lieben. Nein danke: Denn hier werden zwei Dinge in einen Topf geworfen. Selbstliebe ist aber das Gegenteil von Egoismus.

Ich behaupte: Jemand, der sich liebt, kommt viel weniger auf die Idee, anderen zu schaden, sie auszunutzen und mit seinem Besitz oder seinen Talenten anzugeben. Wer protzt oder Menschen benutzt, zeigt, dass er eines eben nicht kann: sich selbst lieben. Denn jemand, der glaubt, er müsse alles für sich haben, empfindet ganz offensichtlich einen Mangel, den er mit äußeren Dingen füllen will. Wer sich liebt, ist davon viel weniger abhängig.

Warum ist das aber so schwer, JA zu sich zu sagen?

Ich glaube, das hängt mit den von uns Bildern zusammen, die uns ständig vorgehalten werden. Ständig kommt einer und malt sein eigenes Bild von mir: So sollst du sein.

Beispiel: Ich liebe meinen Beruf und gebe mir ehrliche Mühe, den gut zu machen. Manche finden, ich müsste ganz anders sein – irgendwie halt, wie sie sich einen Pastor vorstellen. Und halten mir so ein Bild vor: Mein Idealpastor – aber das bin ich nicht.

Viele Ehen gehen kaputt, weil einer von beiden ein starres Bild vom Partner oder von der Beziehung hat.

Wie viele Bilder werden uns vorgehalten, wie wir sein sollen – unser Lebenstil – unser Aussehen – unser Verhalten. Und diese Bilder bestimmen uns, weil wir uns an ihnen orientieren. “So sollst du sein.”

Und die Gefahr ist eben: Ich bemühe mich lieber mit aller Gewalt und mit viel Druck, den Bildern ähnlicher zu werden, anstatt mich der Wahrheit meines Daseins zu stellen – zu mir zu stehen.

Insofern könnte der Spiegel ein passendes Symbol für mangelnde Selbstliebe sein. Das ganze Leben ist so voller Spiegel – in unseren Beziehungen, im Freundeskreis, auf der Arbeit. Von den Spiegeln, die uns die Glitzerwelt der Werbung vorhält, will ich gar nicht erst reden.

Der Spiegel kann ein Zeichen dafür sein, dass mir ein Bild wichtiger werden kann als das, was in mir lebt. Bilder sind wichtig, aber wenn sie erstarren oder ich mich darauf fixiere, dann bekommen sie eine unheilvolle Macht. Dann werden sie zu einem Gegenüber, das mich terrorisiert – wie soll ich mich dann noch lieben und annehmen?

Sich selbst annehmen, heißt übrigens nicht, seine Ecken und Kanten gutheißen. Man kann lieben, ohne alles wundervoll zu finden.

Stellen Sie sich ein Baby vor: Das macht in die Hosen, schreit das Haus zusammen und lässt Sie nachts nicht schlafen – und trotzdem lieben Sie es. Ja, Sie warten darauf, dass endlich durchschläft und alleine auf Toilette geht – aber sie lieben es jetzt schon – trotz aller Unvollkommenheit.

Liebe und Entwick­­lung sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Ich glaube, dass nur jemand, der sich wirklich liebt, auch in der Lage ist, sich so unverkrampft, fröhlich und mit gesundem Ehrgeiz an notwendige Veränderungen zu machen, dass sie auch gelingen. Nur wer sich ehrlich anschaut - und dazu muss er sich lieben -, erkennt die wahren Veränderungsgründe. Denn er verändert sich nicht, weil er sich andauernd mit anderen vergleicht, sondern weil er sich entwickeln möchte. Außerdem akzeptiert er, dass manche seiner Schattenseiten wohl niemals strahlen werden.

Entscheidend für die Selbstliebe ist, dass wir den falschen, überhöhten Bildern, die wir von uns haben, die Macht nehmen.

Für mich würde ich sagen: Gut, dass Gott mich nimmt, wie ich bin. Aber auch gut, dass ich nicht in jeder Hinsicht so bleiben muss, wie ich bin.

Nur um das klar zu stellen: Wir denken in unserer Gemeinde viel über Lebensträume nach und wollen Menschen helfen und ermutigen, sich zu verändern. Ich bin überzeugt, dass Gott viele Lebensmöglichkeiten für uns bereithält, die wir noch nicht entdeckt haben. Und solche Träume sind etwas wirklich Gutes: Aber den Weg dahin finde ich nur, wenn ich weiß, wer ich bin. Wenn ich eine ehrliche Bestandsaufnahme mache – mit meinen Stärken und Schwächen. Und das geht nur mit Selbstliebe.

Können Sie sich selbst lieben? Antworten Sie nicht zu schnell - Sie können sich testen! Es gibt so ein paar Anzeichen dafür, dass man mehr Liebe in sich selbst investieren sollte.

Neid: Solange Sie das Gefühl nicht loswerden, dass andere es besser haben als sie, lieben Sie sich nicht. Selbstliebe bedeutet: “So, wie ich bin, ist es gut.”

Versagensangst: Solange Sie sich fürchten, nicht gut genug zu sein, lieben Sie sich nicht. Selbstliebe bedeutet: “Mein Glück und mein Wert hängt nicht von meinen Leistungen ab.”

Geltungsdrang: Solange Sie danach streben, dass andere Sie toll finden, lieben Sie sich nicht. Selbstliebe bedeutet: “Ich bin wertvoll, auch ohne Bestätigung.”

Perfektionismus: Solange Sie fürchten, Ihr Ideal nicht zu erreichen, lieben Sie sich nicht. Selbstliebe bedeutet: “Ich kann meine Grenzen akzeptieren.”

Wäre das nicht traumhaft: Neid, Versagensangst, Geltungsdrang, und Perfektionismus gänzlich ablegen zu können? All diese Ärgernisse, die sich ein Egoist niemals eingesteht? Ja, es wäre traumhaft! Dieser Zustand ist das christliche Ideal eines Menschen. Die Mystiker des Mittelalters haben dafür ein neues Wort erfunden, das wir heute viel oberflächlicher benutzen. Es heißt “Gelassenheit”. Wer sich selbst liebt, der ist gelassen. Der sagt: “Ja, ich nehme mich an! Ich löse mich von dem Bild, das ich von mir habe und wage es, mich so lieben, wie ich bin. Ich gestehe mir ehrlich ein, dass es richtig unschöne Eigenschaften an mir gibt und bin trotzdem im Einklang mit mir.”

Das gelingt mir umso besser, als ich die Erfahrung kenne: Ich werde geliebt. Es klingt komisch: Ich lerne mich selbst zu lieben, indem ich entdecke, dass ich geliebt bin.

Vielleicht haben Sie so eine Ur-Liebe erfahren als Kind – von Eltern oder Großeltern – vielleicht auch nicht. Vielleicht erleben Sie solche Liebe in Ihrer Beziehung – in Ihrer Familie. Es ist wohl die schönste Erfahrung, die man machen kann.

Aber wie das so ist: Das Schönste ist oft das Zerbrechlichste. Und es ist manchmal rar.

Wir könnten uns selbst besser lieben, wenn wir mehr geliebt würden, bedingungslos. Es müsste vielleicht doch so ein Brief bei uns im Kasten liegen. Oder liegt er schon da, und Sie haben ihn noch nicht aufgemacht? Oder ist der Brief alt – und Sie haben seinen Inhalt lange vergessen?

Deswegen Gott. Vielleicht sollten Sie alles vergessen, was Sie über Gott denken – und mit diesem Gedanken neu anfangen: Dass ich lebe ist der Liebesbeweis Gottes. Der wollte offensichtlich so einen Menschen für seine Welt. Der hat sich was dabei gedacht.

Um diese Erfahrung geht es im Christ-Sein zu zuallererst: Ich bin angenommen. Es geht nicht zuerst darum, dass ich Gott glaube. Der glaubt zuerst an mich. Seine ganze Geschichte ist eine Liebesgeschichte. Gott guckt sich seine Welt an und sagt: Mir fehlt was – du, Mensch.

Und als der Mensch da ist, da geht es immer um die gleiche Sehnsucht Gottes nach den Menschen – um Kontakt. Einen Propheten lässt er ausrichten: Ich habe dich je und je geliebt – darum ziehe ich dich zu mir. Und ziemlich am Ende der Bibel kommt einer zu der Entdeckung: Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.

Und warum das ganze: Dass wir uns als geliebte Wesen entdecken – und uns selbst lieben können. OK, daraus folgt dann viel, aber darum geht’s erstmal. Wenn Sie so wollen: Die Bibel ist Gottes Brief an die Menschen. Ich liebe dich – darum liebe du dich auch.

Papier ist geduldig – ich weiss. Was mache ich, wenn ich jemandem seine Liebeserklärung nicht richtig glauben kann? Wenn ich mir unsicher bin, ob er oder sie es ernst meint?

Ich muss ihn beim Wort nehmen. Ich muss anfangen zu Reden, zu Fragen – gemeinsam zu Leben. Es ausprobieren, neugierig sein, was passiert. Ich wünsche Ihnen aus ganzem Herzen, dass Sie sich selbst lieben können. Weil es alles verändert. Fordern Sie Gott heraus, dass er Ihnen dabei hilft.

Pastor Matthias Richter

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