Aktuell
Wer wir sind
Gottesdienst
Go!SpecialDas KonzeptDas TeamGo!Special GlaubenskursRückblick
Glaube
Aktivitäten
Paulz
Jugend
Kindertagesstätten
Service
Home > Go!Special > Rückblick > 2009-05-10

"Unterwegs zur Freiheit" - Die Predigt des Go!Special am 10. Mai 2009

Auf dem Weg zur Freiheit, das sind 2/3 der Deutschen. In einer neuen Umfrage wurde die Freiheit als drittwichtigster Wert im Leben genannt. Aber welche Freiheit eigentlich?

Wir sind ja schon frei als Menschen in dieser Zeit, in diesem Land. Können viel entscheiden für uns und den Kurs unserer Gesellschaft. Ich habe manchmal die Sorge, diese Freiheit nutzen wir nicht genug – sind zu sehr berieselt mit Kleinkram, unsere Ohren verklebt mit „Nachrichten“, die gar keine sind.

Und andererseits sind wir auch nicht so frei, kommen nicht raus aus unserer Haut. Deine Gene hast du mitgekriegt, deine Familie auch. Und steckst in manchen Zwängen, die deinen Alltag bestimmen. Wo geht’s also lang zur Freiheit, der ersehnten?

Ich bin wirklich frei, wenn ich es mit mir selbst aushalte – und zu mir JA sagen kann. Mit meinen Macken und meinem Schmerz. Wenn ich damit leben kann, was ich nicht ändern kann. Und wenn ich umgekehrt beherzt die Dinge angehe, die in meiner Macht liegen und die ich anders will. Das ist für mich das wichtigste Freiheitsverständnis – eine Riesen-Herausforderung.

Ich bin frei, wenn mich mein Frust und meine schlechten Erfahrungen nicht bestimmen. Die sind da, ja, aber einen freien Menschen beherrschen sie nicht. Dann wäre er oder sie ihr Sklave. Ich bin frei, wenn meine Angst oder meine Lethargie mich nicht im Griff hat. Ich bin frei, wenn mein Mut, mein Leben anzupacken, und meine Hoffnung größer sind. Das ist der Weg, der zur Freiheit führt.

Ich weiß, dass dieser Weg schwer ist. Oft finde ich ihn nicht – und ich bin auf der Flucht vor mir selbst. Auf der Flucht vor meiner Geschichte. Auf der Flucht vor meinem Frust, meinen Enttäuschungen mit Gott und der Welt.

Wie die beiden Männer, von denen wir aus der Bibel gehört haben. Die halten es nicht aus, was sie erlebt haben. Die Hammerschläge vom Kreuz hallen noch in ihrem Kopf. Und sein Schrei, als er stirbt. Nein, das ist nicht zu ertragen. Da hauen sie ab. Raus hier. Fliehen vor all dem. Und vor der maßlosen Enttäuschung. Sie hatten mit Jesus gelebt. Sie hatten erlebt: In ihm ist Gott da. Die Welt verändert sich durch ihn. Kranke bleiben nicht krank. Menschen aus dem Abseits kommen in die Mitte. Echte Ekel verwandeln sich. Menschen mit Fehlern bekommen eine neue Chance. Dann war alles aus – und sie laufen weg.

Wir sind so leicht auf der Flucht. Geübt im Marathon, vor uns selbst wegzulaufen. Natürlich, manchmal ist eine Ablenkung oder ein Ortswechsel gut. Aber das hilft meist nicht Dauer. Und manchmal merken wir es selber nicht, dass wir nicht ganz bei uns sind, sondern schon völlig aus der Puste, Gejagte geradezu.

Da kommt den Flüchtenden einer entgegen. Jesus, Gott selbst. Sie erkennen ihn nicht. Wie auch – sie sind ja nicht bei sich, sondern wie gefangen. Ich finde das toll: Ich kann weglaufen, vor mir und der Welt – und Gott kommt mir entgegen. Der findet mich. Der holt mich ab, wo ich eben bin. Da ist er auch. Ich weiß: Damit ist nicht gleich überall eitel Sonnenschein. Aber der Ort, an dem ich mich „gottverlassen“ empfinde, wird zu einem, wo durch ihn Bewegung rein kommt. Wo sich Entwicklungen auftun, mit denen ich nie gerechnet hätte. Freiräume ins Leben kommen, Luft zum Atmen.

Ja, oft erkenne ich ihn auch nicht, wie er mir entgegenkommt. Manchmal merke ich erst hinterher: Das war er – oder einer seiner Engel. Manchmal verstehe ich ihn auch nicht. Das sollte uns nicht zu sehr irritieren: Wir verstehen ja so oft nicht mal andere Menschen oder uns selbst nicht.

Dann erklärt er ihnen alles: „Leute, die ganze Geschichte musste so sein! Gott wollte durch alles durch. Den Tod hat er nicht ausgespart. Gott wollte das ganze Leben in euren Schuhen gehen. Nicht nur den sonnigen Teil. Steht doch alles aufgeschrieben.“

Papier ist geduldig. Worte gehen hier rein und da raus. Leider ist das so. Und leider mit Gottes Worten manchmal auch.

Es bleibt nicht bei Worten – bei allen dreien nicht. Der Weg zur Freiheit beginnt mit Taten, Schritte im wahrsten Sinn. Wie ein Handy, das dir einer hinhält und dir damit auch einen Schubs gibt: Lamentier nicht nur!

Der Schritt der beiden Wanderer. Sie bleiben nicht allein. Laden den Fremden ein: Bleib bei uns. Und er bleibt. Setzt sich zu Tisch.

Gott tut was. Er setzt sich an den Tisch. Er tritt aus seiner Geschichte in ihr Leben, in unser Leben ein. Und mit ihm seine ganze Geschichte. Auf einmal ist alles wieder da: Die alte Hoffnung, die sie so lange beflügelt hatte. Und noch mehr: Die verstörende und befreiende Erfahrung: Bei Gott ist viel mehr möglich – sogar Leben im Angesicht des Todes und darüber hinaus. Freiheit wird möglich. Die Flucht ist zu Ende. Die Läufer am Ziel.

An diesem Tisch geschieht Befreiung. Fassen, erklären kann man es nicht. Geheimnis des Glaubens. Aber Staunen. Erleben. Die Erfahrung: Ich bin gewollt auf dieser Welt. Hier darf ich sein. Ich bin gehalten, wenn auch mein Boden wankt. Gott behaftet mich nicht auf ewig bei meinen Fehlern. Ich kann neu anfangen. Und Wege entdecken, die ich mir selbst im Traum nicht ausmalen kann. All das geschieht, wo Menschen Gott bitten: Bleib bei mir. Sich mit ihm an den Tisch setzen.

Tanya hat es nie vergessen. Damals war sie 17, die Haare gerade in der grünen Phase. Eine dicke Polizeiakte, Schule abgebrochen, Piercings, die nicht jedermanns Sache sind. Beim Abendmahl kam sie zu stehen – zwischen dem Bürgermeister in seiner bürgerlichen Adrettheit, Krawatte und gerader Scheitel und einem Vier-Sterne-General in glitzernder Uniform. Es sah witzig aus – aber es war kein Witz. Die junge Frau hat nie vergessen: Die bekommen das gleiche wie ich. Trinken aus dem gleichen Kelch. Die bekommen den gleichen Zuspruch wie ich. Dann geben sich alle die Hand, die Männer genauso verlegen wie Tanya. Und gehen dann weiter – für Tanya ein Schritt in die Freiheit.

Denn das ist das Ziel der Begegnung mit Gott an diesem Tisch: Weiter geht’s! In unserer Geschichte ist er auf einmal weg. So, als wollte er sagen: Ich halte Euch nicht fest in heiliger Feierlichkeit. Raus ins Leben mit Euch. In euer Leben. Auf euren Weg. Ihr sollt frei sein!

Aber sie gehen eben anders. Gelassener. Freier.

Und was ich erstaunlich finde: Sie halten sich nicht lange mit Reflexionen auf. Was ist hier überhaupt passiert? Haben wir uns getäuscht? Das kann alles nicht sein. Nein, die gehen los.

Sie ändern ihre Richtung. Und es ist kein Zufall: Sie gehen zu den anderen – in die Gemeinschaft. Wie eine Familienzusammenführung nach dem Mauerfall. Gelebte Freiheit braucht ein Gegenüber, wenn sie mich ausfüllen soll. Sonst wäre sie eine tolle Party, die du mit dir alleine feierst.

Ja, sie nehmen auch den Schmerz mit. Auch freie Menschen haben Wunden. Vielleicht fällt es ihnen leichter, sie zu zeigen, sie von anderen verbinden zu lassen. Und die Bitte und die Einladung auch persönlich auszusprechen: Bleib bei uns – bei mir – tritt in mein Leben – dass meine Fesseln gesprengt werden.

Unterwegs zur Freiheit ist man wohl ein Leben lang – und auf manchen Wegstrecken bin ich freier als auf anderen. Was wir gleich singen, gilt aber auch ein Leben lang

„Du trittst aus deiner Geschichte in unser Leben ein.“ Ich bin sicher: Wer mit dieser Erwartung unterwegs ist, ist vor Überraschungen nicht sicher – und kommt der Freiheit ganz nah.

Pastor Matthias Richter



 

Kontakt

Spenden

Kircheneintritt

Links

Impressum

Seitenübersicht