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Home > Go!Special > Rückblick > 2009-09-20 > Kreuzverhör2009-09-20

Kreuzverhör im Go!Special am 20.09.2009 zum Thema "Das verzeih ich dir nie"

Pastor Lutz Tietje (rechts) wird von Peter Flämig ins Kreuzverhör genommen.

 

Ist verzeihen und vergeben das Gleiche?

Ich würde sagen ja.


Wie bewege ich jemanden dazu, mir zu verzeihen?

Ehrlich gemeinte Vergebung kann man genauso wenig durch eine bestimmte Technik bei einem Menschen hervorrufen wie Zuneigung und Liebe. Deshalb ist der erste und wichtigste Schritt: Sagen Sie dem Anderen wie es Ihnen geht, welche Worte oder Handlungen Ihnen leid tun, wofür Sie sich entschuldigen möchten. Und lassen Sie den anderen spüren, dass Sie noch Interesse an ihm und der gemeinsamen Beziehung haben.


Ein Freund von uns hat sich mit allen drei Geschwistern und in der Folge mit seiner 90-jährigen Mutter zerstritten. Wie können wir ihn beeinflussen, sich zu versöhnen?

Ich denke, Sie können Ihre Sicht der Dinge mit ihm teilen und ihn ermutigen, Verletzungen nicht einfach wegzuschieben oder zu rächen. Aber das Verständnis für die Situation kann er letztlich nur sich selber erarbeiten, und die persönlichen Schritte hin zur Versöhnung kann er nur selber machen.


Ich möchte verzeihen, aber der andere versteht gar nicht, dass er mich verletzt hat. Alle Erklärungen verhallen. Wie gehe ich damit um?

Dazu gab es mehrere ähnliche Fragen. Wenn alle Erklärungen nicht helfen, wenn jemand die ausgestreckte Hand nicht ergreift, dann verliert sich die Vergebung in einem leeren Raum. Dann seien Sie froh, dass Sie die Sache für sich geklärt haben, auch wenn der Andere nicht versteht, was das für Sie bedeutet.


Muss ich Menschen vergeben, die mich kaputt gemacht haben? Muss ich ihnen wirklich verzeihen, auch wenn sie mich fast bis zum Selbstmord gebracht haben?

Müssen muss man hier gar nichts. Zu vergeben ist keine moralische Forderung mit erhobenen Zeigefinger, so nach dem Motto: Du musst aber vergeben, sonst bist du kein guter Mensch. Vergebung zu leben soll stark machen. Es geht darum, sich auszusöhnen mit einer Verletzung, sich nicht klein machen zu lassen, aber auch die Beziehnung zu retten zu einem Menschen, der mir etwas angetan hat, den ich aber trotzdem liebe. Jeder Schritt, den man dazu tun kann, jede gelingende Erfahrung, die man damit machen kann, ist ein Glück und kein moralisches Muss.


Was soll ich tun, wenn ich keine Kraft habe, zu vergeben?

Ich will ja vergeben – aber mein Herz kann nicht. Was tun?

Das kann sein, aber einfach nichts zu tun, ist doch auch keine Lösung, oder? Wäre es nicht gut, wenn Sie lernen, mit einer bösen Tat, einer Verletzung zu leben, sich nicht dauerhaft klein machen zu lassen, und die Verletzung nicht einfach beiseite zu schieben oder sie durch eine Vergeltungsmaßnahme um eine weitere Verletzung zu vermehren? Um Ihrer selbst willen also geht es darum, zu verstehen, was geschehen ist, warum es geschehen ist, was das mit Ihnen macht und wie Sie damit weiter leben können und wollen.


Kann man vergeben, wenn man keinen Kontakt mehr zu der Person hat?

Zu einer Versöhnung gehören natürlich immer beide Seiten dazu. Aber ich denke, wenn es nicht möglich ist, sich mit dem „Täter“ auszusprechen, dann kann man trotzdem sehr viel dafür tun, um sich selbst mit einer schlimmen Erfahrung auszusöhnen. Mit anderen darüber zu sprechen, Gründe und Umstände für eine verletzende Erfahrung zu verstehen, sind erste Schritte dazu.


Wie können die Angehörigen der S-Bahn-Mörder verzeihen?

Diese Frage ist in verschiedenen Varianten sehr oft gestellt worden. Wie jemand einem Mörder verzeihen kann, weiß ich auch nicht. Vergebung ist eine persönliche Sache, ein ganz persönlicher Weg in einer konkreten Situation, keine Technik, die man nach Schema F abarbeiten könnte. Darum kann ich nicht für andere sprechen. Ich kann noch nicht mal vorweg nehmen, wie ich selbst mit der Vergebung zurecht käme, wenn jemand aus meiner Familie das Opfer sein würde. Ich wünsche mir, dass ich meinen Frieden machen könnte mit so einem Schicksalsschlag, auch wenn die Wunde ein ganzes Leben lang nicht wirklich heilt. Ich würde mit dem Täter sprechen wollen, wenn sich das irgendwie machen ließe, und ich würde begreifen wollen, wie es dazu kam und wie sich soetwas in Zukunft verhindern ließe.


Wie soll ich jemandem vergeben, der nicht nur einmal sündigt, sondern ein Serienmörder, ein Wiederholungstäter ist?

Das Vergeben wird bestimmt nicht einfacher, wenn jemand den gleichen Fehler, die gleiche schlimme Tat mehrmals begeht. Aber das Vergeben wird dadurch auch nicht per se unmöglich. Ich jedenfalls habe manchen Fehler nicht nur einmal gemacht, und ich bin froh, dass mir trotzdem vergeben worden ist.


Hat Gott der Mörderin, von der Sie gesprochen haben, vergeben?

Ich weiß es nicht. Wie sollte ich es wissen? Ich glaube, dass Gott nicht aufhört, einen Menschen zu lieben. Aber eine Beziehung hat immer zwei Partner, das ist zwischen Gott und Mensch nicht anders.


Wie kommt es, dass ich jemanden von ganzem Herzen vergebe, die „Tat“ aber mich doch immer wieder negativ berührt?

Das finde ich sehr realistisch und auch menschlich, dass auch eine „vergebene Tat“ nicht einfach aus der Welt ist, auch für das eigene Empfinden nicht. Vielleicht kann man das mit einer alten Wunde vergleichen, bei der die Narbe noch manchmal zwickt. Dass man den alten Groll überhaupt als solchen wahrnimmt, ist schon ein wichtiger Schritt. Seien Sie ehrlich mit sich selbst und dem Anderen, und sprechen Sie das ruhig an, dass sich die Erinnerungen an längst Abgehaktes wieder melden.


Welche Rolle spielt die Wiedergutmachung beim Verzeihen und Versöhnen?

Eine wichtige Rolle. Wenn man einen Fehler, den man bedauert, wieder gut machen kann – warum sollte man es nicht tun? Manchmal aber kann man eine Tat oder ein falsches Wort nicht wieder gut machen. Und dann ist Vergebung und Versöhnung trotzdem möglich.


Warum hat Gott in der Geschichte von der Sintflut denn die Menschen durch die Flut getötet, anstatt ihnen zu vergeben?

Genau genommen kann ich diese Frage nicht beantworten. Der Erzähler der Geschichte hatte ein anderes Interesse: Er wollte von Noah erzählen und von dem Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Ich denke aber, dass die Geschichte etwas Nachdenkenswertes erzählt, wenn sie deutlich macht, dass Gott kein Vergebungsautomat ist, und es nicht egal und ohne Folgen ist, wie wir Menschen handeln.


Ist die Sintflut-Geschichte historisch passiert?

Ich weiß es nicht. Aber egal, ob die Antwort Ja oder Nein lautet, es ändert nichts an der Bedeutung, die sie für mich hat.


Vergibt mir Gott auch, wenn ich meinem Schuldiger nicht vergeben kann?

Die Bitte aus dem Vaterunser, auf die diese Frage anspielt, ist nicht als Bedingung gemeint: „Bitte, Gott, vergib mir nur dann, wenn ich auch meinen Schuldigern vergebe.“ Es geht im Vaterunser nicht um eine Aussage über Gott, sondern um eine Bitte an Gott: „Gott, vergib mir. Und wenn ich etwas von diesem Glück erfahre, geliebt zu werden und aus Vergebung zu leben, dann wirkt sich das aus auf mein Verhalten gegenüber den Menschen. Dann will ich das auch leben und etwas davon weitergeben.“


Ich möchte gerne verzeihen, aber ich finde nicht die richtigen Worte.

Das zu sagen, was Sie empfinden, ist immer richtig. Und es ist immer besser, wenn es gesagt werden kann, als wenn man es vor lauter Bedenken nie wagt.


Ist es nicht das Schwerste, mir selbst zu verzeihen? Nur dann kann ich doch auch anderen verzeihen.

Wohl wahr, dass man manchmal auch mit sich selbst genauso barmherzig sein muss! Ob es schwerer ist, sich selbst zu verzeihen oder anderen, dürften aber verschiedene Menschen ganz unterschiedlich empfinden.


Gibt es in der Bibel ein Verzeihen-Gebot? Wenn ja, wird Reue erwartet?

Vergebung ist eines „der“ Themen in der Bibel. Die ganze Geschichte zwischen Gott und Mensch, die die Bibel auf jeder Seite erzählt, dreht sich auch immer um dieses Thema. Eine klassische Aufforderung, die Paulus formuliert hat lautet: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann (...) Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römerbrief Kapitel 12, Vers 17-21). Oder: „Vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ (Epheserbrief Kapitel 4, Vers 32). Von Reue als Vorbedingung ist an diesen und vielen anderen Stellen in der Bibel nicht die Rede.


Vergeben ja, vergessen nein (nie)! Nur ein Sprichwort? Habe ich damit richtig vergeben?

Vergeben und Vergessen ist in der Tat nicht das Gleiche. Wenn ich eine Tat vergeben habe, kann es auch sein, dass ich sie vergesse. Aber es muss nicht so sein. Wie gesagt: Manche Narbe schmerzt auch nach Jahren manchmal noch hin und wieder. Und wenn ich eine Tat vergesse, ist sie deswegen noch lange nicht vergeben.


Wo ist die Grenze zwischen Vergeltung und Konsequenz für eine „unverzeihliche“ Tat?

Vergeltung oder Rache geht von der Annahme aus, dass eine böse Tat wiedergutgemacht oder gsühnt werden könnte, wenn ich dem anderen auch etwas Böses antue. Sie zieht die Genugtuung daraus, dass eine Verletzung aufgewogen wird dadurch, dass ich eine weitere Verletzung hinzufüge. Das setzt einen Teufelskreis in Gang, aus dem nichts Gutes entstehen kann. Dass eine Tat Konsequenzen hat, ist demgegenüber etwas völlig anderes.


Kann es sein, dass man nur das wirklich vergeben kann, was man selber schon mal jemandem angetan hat?

Das glaube ich nicht. Es macht aber das Vergeben wohl einfacher, wenn man selbst denselben Fehler auch schon mal begangen hat.


Warum benimmt man sich manchmal unmöglich, obwohl man das gar nicht will?

Weil wir alle nur Menschen sind. Das ging auch dem großen Apostel Paulus schon so: Römerbrief Kapitel 7, Vers 18-19.


Warum fällt es Tieren leichter zu verzeihen, als Menschen?

Ist das so?



Einige Go!Special-Besucher haben keine Fragen, sondern Kommentare zum Thema aufgeschrieben:

 

Das Wort „verdienen“ muss hinterfragt werden bei Verletzungen. Die Frage ist doch eher, warum geschehen Verletzungen oder Unrecht? Die Menschen sprechen zu wenig miteinander.


Verzeihen bedeutet zu wachsen.


Ich kann durch Jesus verzeihen. Welch eine Befreiung!

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