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"Das verzeih ich Dir nie! Können Sie vergeben?" - Die Predigt im Go!Special am 20.09.2009

Pastor Lutz Tietje während der Predigt.

 

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort).


Liebe Go!Special-Gemeinde!


Verdammt schwer ist das mit der Vergebung. Als wir uns in unserem Team auf diesen Go!Special vorbereitet haben, fiel dieser Satz sehr oft: Verdammt schwer ist das. Ich tue mich schwer mit diesem Thema, sagten wir immer wieder.

Aber ich sage heute zugleich. Ich würde es gerne können – vergeben. Immer und alles vergeben, das würde ich gerne können.


Wenn ich unter den Interviewten gewesen wäre, die wir zu Anfang dieses Gottesdienstes in der Einspielung gehört haben, wenn ich hätte antworten sollen auf die Frage „Was können Sie einem anderen Menschen nicht verzeihen?“ - dann hätte ich geantwortet: „Ich wünsche mir, dass ich im Falle eines Falles immer dahin kommen würde, verzeihen zu können, egal was jemand mir angetan hat.“


Es gibt nur einen einzigen Grund, warum ich mir das wünsche: Weil ich es mir für mich wünsche, dass mir vergeben wird.


Wenn ich von den Menschen, die um mich herum sind, immer nur das bekommen würde, was ich verdiene, wenn meine Eltern, meine Freunde, meine Familie mit mir umgehen würde nach dem Motto „Wie du mir so ich dir“, dann hätten meine Eltern mich schon vor meinem 18. Lebensjahr rausschmeißen müssen, dann wäre meine Ehe ein einziger Krieg, dann weiß ich nicht, ob ich auch nur einen einzigen Freund hätte.


So hat für mich das Nachdenken über das Thema des heutigen Go!Specials begonnen: Dass ich bei mir selbst angefangen habe und mir bewusst geworden ist: Ich weiß gar nicht, wie oft mir schon vergeben worden ist!


Aber natürlich weiß ich auch, wie schwer das ist, zu vergeben. Ich erfahre es an mir selber, und ich erlebe es bei Menschen, die sich mir anvertrauen, was Menschen anderen Menschen antun können. Wie der Chef mit der Angestellten umspringt., was Eltern ihren Kindern antun und Kinder ihren Eltern, wie es in manchen Ehen zugeht. Und wie schwer das ist, überhaupt an Vergebung zu denken, wenn ein unachtsamer Autofahrer einen Fußgänger über den Haufen fährt.


Kein Wunder, das wir auf der Suche sind nach anderen Verhaltensweisen, wie wir mit Fehlern und Schuld umgehen können. Oft liegt uns etwas anderes näher, weil es bequemer ist, oder weil es scheinbar gerechter ist:


Man kann ein Vergehen einfach ignorieren. Das geht schon bei Kleinigkeiten los, bei einer Bemerkung, die ein anderer über mich fallen lässt und die mich trifft – und ich tue so, als ob ich's nicht gehört habe. Ich gehe drüber weg und sage mir, ach was soll's. War nicht so schlimm.


Aber ich merke: Das geht vielleicht noch, wenn mir der andere sowieso nicht so wichtig ist und ich weiß, den sehe ich nie wieder. Aber sonst? Wenn ich das, was mir einer antut, ignoriere, dann nehme ich mich nicht ernst, dann mache ich mich selber klein. Dann nehme ich auch den anderen nicht ernst. Und unsere Beziehung auch nicht. Dann lasse ich ihn nicht wissen oder spüren, was er mir angetan hat.


Eine Verfehlung zu ignorieren ist nur scheinbar eine Wohltat. Es erspart eine Auseinandersetzung und ist deswegen scheinbar bequem, aber wie viel bin ich bereit zu schlucken? Und: Der andere muss doch spüren, was er getan hat.


Also doch die zweite Möglichkeit: Vergeltung, Rache.

Wie du mir so ich dir. Ausgleichende Gerechtigkeit. Immerhin, damit nimmt man die böse Tat ernst. Man sagt gerade nicht: Schwamm drüber. Und der andere kriegt es zu spüren, was er mir angetan hat, wie ich mich fühle.


Mag sein, dass ich mich dadurch erleichtert fühle, wenn der andere auch eins drauf kriegt, wenn's ihm genauso dreckig geht wie mir.


Aber ich schaffe doch dadurch die Verfehlung, die Verletzung nicht aus der Welt, sondern vermehre sie um eine weitere, indem ich den anderen auch verletze. Ein unsäglicher Teufelskreis beginnt. Damit möchte ich nicht meinen Frieden machen.


Aber es geht ja vielleicht auch ein bisschen weniger heftig. Man kann doch auch – vielleicht nur ein kleines bisschen – nachtragend sein.


Auf Schritt und Tritt, die böse Tat immer wieder hervorholen. Nicht zurückschlagen, aber den anderen bei jeder Gelegenheit spüren lassen, was zwischen uns steht, dass unsere Beziehung gestört ist und ich nicht bereit bin, daran etwas zu ändern.


Aber was tue ich mir damit auch selber an? Nachtragend zu sein, ist auf Dauer wohl die Belastendste Form, mit einer Verletzung umzugehen, weil man ja auch selbst immer wieder daran erinnert wird, weil die Wunde nicht heilen kann, weil man auch dann, wenn man jemand etwas „nach trägt“, viel zu tragen hat.


Drei Möglichkeiten, mit Schuld und Verletzungen umzugehen, aber keine von ihnen ist wirklich hilfreich. Was ist denn dann demgegenüber das Besondere und das besonders gute an der Vergebung.


Man braucht ja, um etwas für's Leben zu lernen, manchmal Schlüsselerlebnisse, die einem mehr klar machen als alle Theorie. Ich habe ein Schlüsselerlebnis gehabt, das mir fast beklemmend und sehr eindrücklich gezeigt hat, was Vergebung wirklich bedeutet:


Das war, als ich im Gefängnis war. Ein sechswöchiges Praktikum während des Theologiestudiums, das ich im Frauengefägnis in Vechta absolviert habe. Unter den vielen Menschen, denen ich dort begegnet bin, ist mir eine Begegnung besonders haften geblieben:


Viola, Mitte 30, gepflegt, nett, ausgesprochen freundlich und anhänglich, so sympathisch, dass ich mich immer gefragt habe: Was macht so ein sympathischer Mensch eigentlich hier im Gefängnis. Und das habe ich mich umso mehr gefragt als ich merkte, dass sie von den anderen Frauen eher gemieden wurde und zu anderen im Gefängnis gar nicht so ausgesprochen freundlich war wie zu mir.


Was ich erst hinterher erfahren habe: Sie hatte ihr eigenes Kind umgebracht. Dafür wurde sie gemieden, auch im Knast. Die Frauen da hatten ja alle was auf dem Kerbholz, aber das eigene Kind zu töten, das war nun wirklich unverzeihlich.


Und ich merkte an Viola: Ihre ganze Freundlichkeit und Anhänglichkeit, die schon fast etwas Unwirkliches hatte, war eine einzige Bitte: Bitte lass mich spüren, dass ich kein schlechter Mensch bin. Dass ich überhaupt noch ein Mensch bin. Dass auch an mir noch etwas liebenswürdig ist. Dass ich etwas wert bin. Dass meine Würde nicht einfach dahin ist, nur wegen einer einzigen Tat.


An dieser Begegnung mit Viola ist mir aufgegangen, was Vergebung ist: Wenn ich vergebe, unterscheide ich zwischen der bösen Tat und dem Menschen, der sie getan hat. Ich sehe die Verletzung und spüre, was mir angetan ist, - und das will ich nicht kleinreden oder beiseite lassen - aber ich sehe zugleich den Menschen, der mehr ist als seine Tat. Vergeben heißt, ich strecke meine Hand aus und reiche meine Hand durch die böse Tat hindurch dem Menschen, der mich verletzt hat. „um deinetwillen, um unsere Beziehung geht es.“


Und das erfordert Mut. Das ist schwer, den anderen als Menschen zu sehen, der seine Chance verdient hat, und sich selbst genauso zu sehen. Das kann man nicht eben schnell sagen, Vergebung geht nicht mal eben so. Das braucht Zeit. Und das geht auch nicht einseitig, wenn es dem anderen gar nicht leid tut.


Aber ich glaube, wenn Vergebung gelingt, wenn andere nicht aufhören, den Menschen in mir zu sehen, und ich das auch bei anderen schaffe, dann ist das ein großes Glück, dann hilft das zu leben, versöhnt zu leben, im Reinen zu sein.


Und davon leben wir, glaube ich, mehr als es uns manchmal bewusst ist. Deshalb ist dieser Regenbogen hier vorne nicht von ungefähr unsere Dekoration in der Kirche. Er ist schon in der Bibel ein ganz altes Zeichen für Versöhnung.


Von Regenbogen erzählt eine der ersten Geschichten in der Bibel, gleich vorne in den ersten Kapiteln, eine Ur-Geschichte, die etwas grundsätzliches sagen will darüber, was es mit uns Menschen und Gott auf sich hat.


Es ist die Geschichte der Sintflut und der Arche Noah, eine Geschichte, die etwas davon erzählt, wie wir Menschen Fehler um Fehler machen, und manchmal auch richtig böse Sachen. Da ist Gott versucht zu sagen: das war keine gute Idee mit der Erschaffung des Menschen, der gehört wieder abgeschafft. Aber die Geschichte endet dann ja so, dass die Menschheit – dank Noah – doch überlebt und Gott am Ende sagt: So etwas wie die Sintflut soll nicht noch mal passieren. Ich will den Menschen höher achten als seine Taten. Ich habe den Menschen als mein Gegenüber geschaffen, ich will diese Beziehung und will das nicht selbst kaputt machen.


Und er setzt ein Zeichen an den Himmel, den Regenbogen. Ein Zeichen für einen Bund, einen Vertrag. Dieses Zeichen des Regenbogens soll besiegeln, dass Gott und Mensch zusammen gehören.


Diese Liebe, diese Vergebung – das will die Geschichte von der Sintflut sagen – ist so etwas wie die Grundkonstante unseres Lebens. Davon lebe ich, dass da ein Gott ist, der es gut mir mir meint. Der mir die Hand hinstreckt, durch all meine Fehler und Schwächen hindurch, durch all meine Gedankenlosigkeit hindurch, mit der ich all das für selbstverständlich nehme, was ich habe und bin. Der mir seine Hand hinstreckt jeden Morgen neu und sagt: Du sollst leben. Und du gehörst zu mir. Und da kommt nichts dazwischen.


Das habe ich nicht verdient. Davon lebe ich. Und davon möchte ich etwas weitergeben. Deshalb wünsche ich mir, dass ich vergeben kann.


Danke für's Zuhören.


(Pastor Lutz Tietje)

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