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Home > Go!Special > Rückblick > 2010-02-28 > Predigt2010-02-28

"Höher, schneller, weiter... - Wann haben wir genug?" - Grundgedanken der Predigt im Go!Special am 28.02.2010

Pastor Matthias Richter während der Predigt vom Bistrotisch.

Es gilt das gesprochene Wort.
„ … “ bedeutet, dass ich hier frei ausgeführt habe.


Ballon 1

Das ist Michael, 40 Jahre.

Jeden Morgen bei der Arbeit sieht er als erstes sein Mailfach an. Ehe er die weghat… Ja, die meisten sind Müll. Aber lesen muss man die ja doch. Was hat man eigentlich früher mit seiner Zeit gemacht? [Aufpusten]

In der Pause endlich Zeit für AutoBild. Wahnsinn, was es alles gibt. Seine Kiste ist ja auch schon vier Jahre alt. Und der Kollege hat auch einen neuen. Soll man jetzt, oder soll man nicht? [Aufpusten]

Auf dem Nachhauseweg klingelt sein Handy. Sein Chef. Ob noch mal kurz bei einem Kunden vorbei kann. Nur ganz schnell. Wer’s glaubt… [Aufpusten]

Dabei: Eigentlich ganz gut, dass er oft ein paar Stunden mehr machen kann. Sie wollen ja im Sommer mal ein bisschen weiter weg. Aber: Das ist erst im Sommer – und jetzt ist jetzt. Und das Schwimmbad mit den Jungs wird heute nichts mehr. [Aufpusten]

Schon wieder das Handy. Seine Frau. Ob sie am Wochenende zu Oma wollen. Hätte man auch heut Abend besprechen können. Manchmal hasst er seinen Klingelton. [Aufpusten]

Auf dem Nachhauseweg kurz zu Media-Markt, schnell ein Navi kaufen. Man muss sich auch mal was Gutes tun. Ein super Schnäppchen. Komisch: Er dachte, er würde sich mehr drüber freuen. [Aufpusten] Abends die Zeitung und der Ärger: Bei Bening gab’s sein Navi zehn Euro billiger. [Aufpusten]

Dann lieber Fernsehen. So ein scharfes und großes Bild hatten sie noch nie! Den Film macht es leider auch nicht besser. [Aufpusten]

Schlafen – endlich – wenn es denn ginge! Waren seine Anlagen doch zu riskant? Statt süßer Träume fragt er sich: Where is my money? Aber haben doch alle gemacht! Und wenn es klappen würde… Wenn! [Aufpusten]

Michaels Tag im Schnelldurchlauf: Neuer, schneller, besser, mehr Kontakte, billiger, profitabler, mehr haben, mehr arbeiten, sofort und überall erreichbar sein… und er selbst kurz vor dem Platzen.


Ballon 2

Das ist Eva, 60 Jahre.

Sophia Loren ist schon 75 – aber wie die aussieht! Da komm ich nicht mit! Sollte ich vielleicht auch etwas mehr gegen meine Falten unternehmen? Aber was? [Aufpusten]

Erstmal die Einfahrt fegen. Bei allen Nachbarn sieht es schon wieder aus wie geleckt. Was sollen die denken? [Aufpusten]

Ach, die Post ist da. Die Reisebestätigung. Wir fliegen ja drei Mal im Jahr weg. Immer nur zuhause fällt einem ja die Decke auf den Kopf. Man muss doch was gesehen haben im Leben! Sonst hat man doch nicht gelebt! [Aufpusten]

Hoffentlich hat Jochen noch seine Beförderung gekriegt. Eigentlich macht ihm seine jetzige Stelle ja Riesen-Spaß. Aber Frau S. hat schon dreimal gefragt. [Aufpusten] Und hoffentlich fängt die nicht wieder an, mit ihren super Enkeln zu prahlen. Und dass ihr Sohn ja ein neues Haus hat. [Aufpusten]

Eva. Schöner, sauberer, perfekter, weiter, höher, eindrucksvoller.


Vielleicht fragt Ihr Euch; Wie viele Ballons hat er noch in der Tasche?

Ich glaube, ich brauche keinen mehr, Ihr habt schon verstanden.

Das Leben auf der Überholspur: Immer mehr. Immer größer, schneller, weiter. Mehr Haben. Mehr Sein. Mehr Spaß. Mehr Leistung. Noch mehr Kontakte. Mehr Perfektion. Mehr Schein.

So sehr haben wir diese Werte verinnerlicht, die uns ständig vorgekaut werden, dass es uns oft gar nicht mehr auffällt, wie verrückt manches ist. So sehr haben wir uns an vieles gewöhnt, dass wir gar nicht mehr wahrnehmen, dass das Leben auch anders sein kann. Das wir nicht mehr wissen, was „genug ist“. Und manchmal weniger sogar mehr sein kann.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir brauchen Fortschritt. Entwicklung. In Wissenschaft und Technik. Viele Entwicklungen der letzten Zeit sind hilfreich, oder gar ein Segen.

Es ist für mich entlastend, dass ich vieles per mail erledigen kann. Und neulich, als mein Auto nicht angesprungen ist, war ich heilfroh, dass ich ein Handy dabei hatte.

Aber es kippt, wenn wir mit Informationen zugeschüttet werden, die wir nicht brauchen und die wir nicht verarbeiten können. Es kippt, wenn ich nichts mehr in Ruhe machen kann, weil ständig ein Handy klingelt und das Ferngespräch das Nahgespräch killt. Es kippt, wenn ich dem Leben hinterher hechele und nicht mehr zum Leben komme.

Ich finde es toll und eindrucksvoll, wenn eine Schülerin hart trainiert und bei den Deutschen Meisterschaften dabei ist. Aber es kippt, wenn das Mädchen meint, ihr Wert hänge davon ab, dass sie auf dem Treppchen steht. Es kippt, wenn im Sport die letzte Hundertstel nur noch durch Doping rauszuholen ist.

Die Kunst der Unterscheidung müssen wir lernen …

Das Streben nach dem Superlativ hat seinen Preis – im Großen und Kleinen.

Im Großen: Wir wissen, dass unser Lebensstil die Erde zerstört. Keiner kann sich rausreden. Wir sind es, unser überdrehter Konsum, viel zu viele Flüge und Autofahrten, die unsere Welt zerstören. Aber ändert das unser Verhalten?

Ich rede nur mal von mir: Viel zu wenig. Sind wir dumm, sind wir Verdrängungskünstler, denken wir: „Nach uns die Sintflut“? Ich weiß es nicht. Ich bin ratlos.

Wir kaufen das billige Fleisch, und wissen, dass es dafür nicht mit Würde erzeugt werden kann. Es schmeckt aber trotzdem.

Unser Lebensstil hat Folgen im Großen – für unsere Mitgeschöpfe, die Tiere, und für unseren Planeten. Manchmal frage ich mich, was ich im Himmel den nachfolgenden Generationen antworte. Wenn die mich fragen: Und was hast du damals gemacht, 2010? Da wusstet Ihr doch, dass man so nicht straflos leben kann?

Aber die Jagd nach den Superlativen hat auch Folgen für jeden persönlich.

In einem Lied von den Ärzten wird beschrieben, wie einer das Leben als Hölle erlebt. Und das Verrückte: Der das singt, hat alles. Der kann alles haben. Und es fehlt ihm doch irgendetwas zum Glücklich-Sein.

Der Titel des Liedes: Living hell, das Leben als Hölle, als selbstgemachte.

Die Toten Hosen hauen in dieselbe Kerbe: „Ich hatte mehr Glück als die meisten, habe immer fett gelebt. Ich wenn ich wirklich etwas wollte, hab’ ich’s auch gekriegt.“ Und dann der Refrain wie Peitschenhiebe: Warum werde ich nicht satt?

Manchmal scheint es mir, als sei das der Soundtrack unserer Zeit. Manchmal kommt es mir so vor, als würde das wesentliche Teile des Lebensgefühls unseres Lebens beschreiben.

Manchmal scheint es mir, als würden wir dem Glück hinterher laufen, nicht mehr wissen, was uns wirklich gut tut. Nicht mehr wissen, was wir wirklich brauchen. Sondern: Unsere Zeit verplempern. Unsere Kraft vergeuden, uns Dinge reinziehen, die uns nicht ausfüllen.

Das ist nicht neu. Man braucht den Satz von Jesus nicht zu erklären: Was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei und zuletzt sein Leben verliert?

Warum ist das so? Michael Douglass sagt, es ist die Gier, die den Menschen antreibt.

Ich glaube, das greift zu kurz. Ich glaube, es ist vielmehr eine tiefe Angst, die in Menschen steckt. Die Angst, man könnte zu kurz kommen. Da ist eine Stimme in mir, die sagt: Das Leben geht an dir vorbei, wenn du dieses nicht gesehen hast, wenn du jenes nicht besessen hast. Du brauchst das zum Glücklich-Sein!

Diese Stimme treibt mich. Die Stimme der Angst, dass ich am Ende die Bilanz ziehen muss: Ich habe ja nur so normal gelebt. Oder gar nicht.

Und die Folge ist dann der Druck: Ich muss mich beweisen. Ich muss mir und den anderen beweisen, dass ich lebe. Ich muss meinen Lebenssinn erarbeiten. Ich muss mir meinen Wert verdienen.

Und das treibt mich an, gnadenlos. Von Superlativ, zu Superlativ – höher, schneller, weiter.

Und dann sagt eine andere Stimme: Nein! Der Höchste selbst erhebt Einspruch. Seine Worte klingen anders.
Du musst deinen Lebenssinn und dein Ansehen nicht selbst produzieren. Du kannst das gar nicht. Du empfängst deinen Sinn und deinen Wert täglich neu, weil ich dich ansehe.

Gucken Sie sich an, auf wen Jesus zugeht. Lassen Sie es sich gesagt:

Wer mir nachfolgt, wird Leben die Fülle finden.

Wer mit mir durchs Leben geht, wird nicht von Leere und Angst getrieben.

Das kann man nicht theoretisch erfassen. Das muss man ausprobieren.

So – in diesem Kontakt – lerne ich die Kunst der Unterscheidung. Das verschiebt meine Maßstäbe: Was will ich wirklich? Und wohin treibt mich meine Angst?

Ich kann getrost was lassen. Brauche manches nicht. Entlarve manches als Unwichtig. Und ich entdecke im Kontakt mit ihm Wege und Ziele, die sich lohnen.

Kurz vor Schluss möchte ich Ihnen einen Ballon mitgeben - zur Erinnerung: Wo treibt Sie das Falsche an?

Und drei praktische Möglichkeiten, dem Drang der Superlative zu entkommen:

In der nächsten Woche

  • Verzichten - Aufschieben
  • Etwas kleines/altes/unperfektes wahrnehmen und schätzen (an sich oder anderen)
  • Gewonnene Zeit verschenken / Beziehungen vertiefen

(Pastor Matthias Richter)

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