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"Und was ist der Dank dafür?" - Die Predigt im Go!Special am 3. Oktober 2010

Pastor Lutz Tietje während der Predigt.

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort).

 

Liebe Go!Special-Freunde!

Jetzt haben wir ja schon mal brav danke gesagt in diesem Gottesdienst. Das ist es ja, was wir alle gelernt haben, brav danke zu sagen. Ich jedenfalls habe es schon als Kind gelernt, danke zu sagen weil es sich so gehört. Inzwischen aber ist das Danke sagen für mich viel mehr geworden als nur eine Höflichkeits-Formel. Und diese Lektion, was das Danke sagen wirklich bedeutet, die lerne ich wieder und wieder.

Und eine solche Lektion über das Danke-sagen habe ich gelernt, als ich auf meine erste Pfarrstelle gekommen bin, auf ein Dorf in der Nähe von Northeim. Dort lernte ich Oma Gerken kennen, die im Dorf bekannt und beliebt war. Eine Frau, die 94 Jahre alt geworden ist, eine milde und zufriedene Frau mit einer Ausstrahlung, die mich fasziniert hat. Ich besuchte sie häufig, nicht nur zum Geburtstag, sondern auch zwischendurch, wenn sie anrief und mich einlud auf eine Tasse Kaffee, die immer ein bisschen dünn gekocht war. Und es standen immer Choco-Crossies auf dem Tisch, die ich seitdem, glaube ich, noch nicht wieder gegessen habe.

Sie erzählte mir viel aus ihrem Leben, das wahrlich nicht immer leicht gewesen war. Irgendwann, da war sie schon über 90 Jahre alt, da ließ ziemlich rapide ihr Gehör nach. Bald schon musste ich sie fast schon anbrüllen, um mich verständlich zu machen. Sie weigerte sich standhaft, ein Hörgerät zu benutzen. Ich sehe mich noch, wie ich dort ein ums andere Mal an ihrem Tisch saß und diese alte Frau anbrüllte, um ihr überhaupt noch irgendetwas sagen zu können. Aber schließlich war es so weit, dass es einfach hoffnungslos war. Dann brüllte ich ein zwei Sätze und wusste, dass sie nichts versteht. Statt dessen lächelte sie milde und sagte: „Ach, wissen Sie, Herr Pastor, ich habe 90 Jahre lang alles gehört. Da darf das Hören doch jetzt auch etwas schlechter werden. Da muss ich doch Gott dankbar sein, dass es so lange Zeit so gut ging.“

Es ging dann bald auch nicht nur mit dem Hören schlechter. Die Kräfte ließen nach. Doch diesen Satz: „90 Jahre lang war es doch gut, Herr Pastor. Da muss ich doch Gott dankbar sein.“, diesen Satz hat sie mir auch noch gesagt, als ich an ihrem Sterbebett saß. Ich konnte nicht mehr mit ihr reden. Aber ich mochte gar nicht darüber traurig sein, dass sie nun so abgeschnitten ist vom Leben, weil sie selber so zufrieden und dankbar war.

So intensive Momente waren das bei ihr, dass ich diese Lektion über die Dankbarkeit mein Leben lang nicht vergessen werde. Dass man auf sein Leben zurückblickt und nicht nur das sieht, was im Augenblick beklagenswert ist, sondern all das, was gut war. 90 gute Jahre.

Natürlich waren da die Angehörigen, die Freunde und Nachbarn. Die beklagten sich bei mir darüber, wie anstrengend die Pflege ist. Da waren die, die es besser wussten und sagten: „Wenn sie sich nur rechtzeitig um ein Hörgerät gekümmert hätte, dann wäre es nicht so schlimm geworden mit den Ohren.“ Und da waren die Nachbarn, die ich auf der Straße traf und die sagten: „Ist es nicht schlimm mit Oma Gerken? Dass es so zuende geht mit ihr, dass sie nun im Bett liegen muss und gar nichts mehr kann.“ Und ich hatte aber immer ihren Satz im Ohr: „Herr Pastor, 90 Jahre hatte ich, in denen alles gut war.“

Ich habe in dieser Lektion gelernt, was das mit uns Menschen macht, wenn wir danke sagen, wirklich von Herzen danke sagen. Dann bekommt das Leben eine andere Dimension. Der Dank schließt dir eine Ebene auf, die tiefer ist als die Ebenen, auf denen man den Alltag regelt. Dann spüren wir etwas von Segen und Reichtum im Leben. Ich sehe diese Frau auf dem Krankenbett und verstehe, was es heißt, wenn ein Leben getragen und behütet ist von Gott. Dass wir Menschen uns nicht immer nur in der eigenen Hand wärmen, dass wir nicht die Macher des Lebens sind, sondern das wir beschenkte Menschen sind.

Wir schauen oft misstrauisch auf diese Dankbarkeit, weil wir es anders gelernt haben. Dankbarkeit ist eine Form der Höflichkeit. Aber in Wirklichkeit sind wir alle kleine Naturwissenschaftler, die all das erklären wollen, was uns umgibt und was uns widerfährt. Wissenschaftler, die auch an einem Erntedanktag wissen, wie denn eigentlich das Brot auf unseren Tisch kommt. Was Landwirte dafür tun müssen, damit sie eine reiche Ernte einfahren. Wie Saat, Düngung und Ernte genau geplant werden und möglichst nichts dem Zufall überlassen bleibt.

Es gibt Wissenschaftler, die erklären uns, dass sogar das, was wir denken, fühlen und tun, nicht mehr ist als nur ein chemischer Vorgang. Wenn im Gehirn bestimmte Areale aktiv sind, wenn bestimmte Hormone wirken, dann ist eben der eine verliebt und der andere hasst, der eine ist böse und der andere opfert sich auf.

Aber manchmal merke ich doch: Die naturwissenschaftliche Dimension reicht nicht aus, um den Reichtum unseres Lebens zu beschreiben! Wenn ich meiner Frau gegenüberstehe, macht es einen Unterschied, ob zu ihr sage: „Du, wenn ich dich ansehe, dann merke ich, wie eine bestimmte chemische Reaktion in meinem Gehirn ausgelöst wird“ – oder ob ich sage: „Du, ich habe dich lieb und bin froh, dass wir zusammen gehören.“

Und so ähnlich, wie es auch in dem Theaterstück vorgekommen ist, sind wir alle außerdem auch kleine oder große Macher, erst recht in unser heutigen Leistungsgesellschaft. Wir wissen doch, dass wir unser Leben in der Hand haben müssen, und dass es an uns liegt, was aus uns wird. Man muss nur hart genug arbeiten für das eigene Glück. Wer sich nicht rechtzeitig kümmert, wer nicht diszipliniert genug lebt, der hat doch selber schuld.

So wertschätzen wir nur das, was wir sammeln und zählen können. Was wir haben – so meinen wir – macht uns glücklich. Was wir besitzen, macht uns reich. Wir sind getrieben von der Angst, zu kurz zu kommen. Deshalb nehmen wir das, was das Leben uns schenkt, nicht als Geschenk, dankbar und auch ehrfürchtig, sondern vereinnahmen es, wollen alles festhalten und zum Besitz machen – wie einer, der einatmet, aber nicht ausatmen will.

Wie schade, denke ich, dass es oft die dramatischen Erlebnisse an der Grenze zwischen Leben und Tod braucht, damit wir aufwachen, unsere Hände sehen und merken: So vieles ist eben nicht in meiner Hand.

Ich erinnere mich an das Trauergespräch mit einem Ehemann, der seine Frau durch eine Krebserkrankung verloren hatte. Er erzählte mir von der Krankheitsgeschichte, die schon Jahre vor dem Tod begann. Alles ging los mit einem Zusammenbruch der Ehefrau und man stellte fest, dass in ihrem Kopf ein Tumor gewachsen war und ihr Leben bedrohte. Die einzige Hilfe, um das Leben zu retten, war eine nicht ungefährlich Operation am Kopf, bei der der Tumor entfernt werden sollte. Es war nicht sicher, ob die Operation gelingen würde. Es hätte sein können, dass die Frau gar nicht mehr aufwacht, oder für den Rest ihres Leben gelähmt ist. Aber die Operation war die einzige Chance.

Und sie gelang. Der Ehemann erzählte mir von dem Tag, als er seine geheilte Frau aus dem Krankenhaus abholte und mit diesem Tag das Leben noch einmal neu begann. Auf einmal hatte das Leben eine neue Intensität. Was vorher selbstverständlich war, lernte er schätzen als eine große Gabe. Dass ein neuer Morgen kam, war auf einmal nicht mehr selbstverständlich, das Lachen der Enkelkinder nicht. Das Brot auf dem Tisch war nicht mehr selbstverständlich. Dass er mit seiner Frau weiterleben durfte. Der Alltag bekam einen neuen Glanz. Er hatte die Gaben des Lebens als unverdienbar kennengelernt.

So ist das Danken wie eine zweite Schöpfung. Im Danken erschließen wir uns die Welt in einer neuen Dimension. Jeder Mensch, der Danke sagt, sagt damit eines mit: Ich hatte keinen Rechtsanspruch darauf. Nichts ist einfach selbstverständlich.

Ich möchte diese Haltung nicht nur einüben an der Grenze zwischen Leben und Tod, dann wenn es zum Schlimmsten kommt. Sondern ich möchte jeden Tag etwas von dieser Tiefendimension meines Lebens spüren, dass da ein Gott ist, der mich über mein Verstehen und Vermögen hinaus beschenkt.

Deshalb halte ich zum Beispiel sehr viel davon, ein Tischgebet zu sprechen. Dass wir bei uns in der Familie auch so etwas Alltägliches wie den gedeckten Tisch herausreißen aus der stummen Selbstverständlichkeit. Dass wir dem Dank und der Dankbarkeit eine Geste und eine Sprache geben – mitten im Alltag. Und wann immer sich jemand bei mir für etwas bedankt, versuche ich nicht einfach nur zu sagen „Dafür nicht“ oder „Nicht der Rede wert“, sondern bewusst zu sagen „Bitte schön“, „gern geschehen“ oder „es kommt von Herzen“.

Ich möchte auch mitten im Alltag etwas davon spüren, dass wir uns nicht selbst verdanken. Sondern dass da ein Gott ist, der mich gewollt hat, der mich nicht dem Zufall überlässt, der mich beschenkt. Die Dankbarkeit verdoppelt die Schönheit des Lebens.

Unserem Leben diese Tiefe geben, das heißt für mich: Danke sagen. Dankbarkeit einüben, jeden Tag neu.

Und ich glaube, wie von selbst öffnet uns auch die Dankbarkeit die Hände und lässt uns teilen, was uns gegeben ist. Ich kann mir Dankbarkeit und Geiz nicht zusammen vorstellen. Dankbarkeit und Gerechtigkeit, Dankbarkeit und Liebe sind Geschwister. Man kann nicht für das eigene Brot danken und es allein essen.

So ist das Erntedankfest für mich eine Gelegenheit, neu zu lernen, dass das Leben durch Dank und Teilen liebenswürdiger wird. Ich befürchte, wenn wir vergessen dankbar zu sein, dann vergessen wir, die Tiefendimension, die unser Leben hat. Dass wir reich beschenkt sind, geborgen und gehalten sind, dass wir gelassen leben und sogar sterben können – das ist ein Schatz, der sich uns erschließt, wenn wir lernen, Danke zu sagen.

Und deshalb sage ich jetzt erst einmal ganz bewusst: Danke für's Zuhören.

Pastor Lutz Tietje

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