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Home > Go!Special > Rückblick > 2011-03-06 > Kreuzverhoer2011-03-06

Kreuzverhör im Go!Special am 6.3.2011 zum Thema "Ach, wie gut, dass niemand weiß... - von Masken und Rollen"

Pastor Lutz Tietje (Mitte) wird von Ulrike Parey und Johannes Simon mit den Fragen der Besucher ins Kreuzverhör genommen.

Wer legt die Rollen fest, in die „man“ hinein gedrängt wird, jeder selbst oder die Umwelt?

Sowohl als auch, würde ich sagen. Es gibt Rollen, die ich selbst bestimme, weil ich ein bestimmtes Bild nach außen vermitteln will oder ein bestimmtes Selbstverständnis habe. Es gibt aber auch die Rollen, auf die andere mich festlegen. Ich selbst merke das zum Beispiel, wenn ich im Zug wildfremde Menschen kennenlerne. Wenn sie hören, dass ich Pastor bin, dann sagen viele Menschen fast reflexartig, was sie vom Glauben halten oder wann sie das letzte Mal in einem Gottesdienst waren – obwohl ich gar nicht danach gefragt habe. Vielleicht tun sie das, weil sie mich als Pastor in einer bestimmten Rolle sehen und darauf reagieren.


Wie kann ich damit umgehen, wenn der Mensch hinter der Maske schlimmer ist als die Maske selbst?

Das ist ja gerade der Sinn einer Maske, etwas zu verbergen, was ich nicht zeigen möchte, oder mich besser oder schöner dastehen zu lassen als ich mich eigentlich fühle oder als ich eigentlich bin. Ich finde es wichtig, ab und an mal eine Gelegenheit zu ergreifen, die Maske abzunehmen und zu gucken, was passiert, wenn man mal nicht so strahlend dasteht. Dann zu merken, dass der Andere sich nicht abwendet, sondern bei mir bleibt, das ist doch ungemein schön und wohltuend. An solchen Erfahrungen wachse ich und wächst auch eine Beziehung.


Was kann ich tun, wenn ich merke, das mir meine Maske jeden Tag weniger passt?

Das habe ich versucht, in der Predigt zu sagen: Erfüllen Sie nicht alle Erwartungen. Reden Sie ehrlich von sich selber. Das ist besser als ein Leben zu leben, das einem nicht passt, oder immer an der eigenen Maske herumzuflicken und dem eigentlichen Leben nachzutrauern


Was ist los mit unseren Politikern und ihren Rollen und Masken? Können die überhaupt ohne Maske in ihrem Geschäft überleben?

Ich glaube, wenn man immer und ständig in der Öffentlichkeit steht, kann man nicht immer das Innerste nach außen kehren und sich so geben, wie man sich gerade fühlt. Das macht ja auch sonst keiner von uns, auch wenn wir keine Politiker sind. Aber man kann das Maskenspiel natürlich auch übertreiben und dadurch viel verlieren. Manchmal frage ich mich schon: Warum sagt zum Beispiel ein Herr zu Guttenberg denn nicht einmal ehrlich, was denn nun die Wahrheit ist und welche Fehler er gemacht hat, sondern spielt Verstecken und gibt nur scheibchenweise etwas zu? Damit riskiert er doch, dass man ihm irgendwann gar nichts mehr glaubt. Aber eigentlich müsste auf diese Frage hier ein wirklich prominenter Mensch Antwort geben. Der könnte nochmal anders davon erzählen, wie man eigentlich damit leben kann, dass man permanent in der Öffentlichkeit steht und sich vielleicht nie so zeigen kann, wie man ist.


Wie schütze ich mich ohne Maske?

Ich denke, ohne die Überlegung kommen wir nicht aus, was wir wem zeigen wollen. Ich muss gewiss nicht immer so tun, als sei ich immer und überall ein strahlender und schöner Mensch. Aber genauso muss ich nicht immer und jedem zeigen, was in mir drin vorgeht.


Muss ich jedem misstrauen, weil er eine Maske tragen könnte?

Na, man muss ja nicht gleich so schlecht von jedem Menschen denken. Aber ich weiß doch auch, dass wenn ich einem Menschen begegne, ich nicht sofort alles und die tiefsten Geheimnisse des anderen erfahre. Das ist doch etwas ganz natürliches und nicht gleich Grund zum Misstrauen. Sich zu zeigen, wie man ist, setzt ein gewisses Maß an Vertrauen voraus. Und Vertrauen muss immer erst wachsen. Mit dem ewigen Misstrauen vor den möglichen Masken anderer, verbaue ich mir wahrscheinlich viele Beziehungen.


Wie kann man in der heutigen Berufswelt bestehen ohne eine Maske oder eine Rolle? Oder ist dies nur im geschützten Rahmen (Freunde / Familie) möglich?

Ich finde, man muss auch im Beruf ohne Maske leben können. Natürlich hat man im Beruf eine bestimmte Aufgabe und auch eine bestimmte Rolle. Aber der Beruf, in dem ich mich immer nur verstellen muss und nie ich selbst sein kann, der kann nicht gesund sein für mich. Man muss doch auch im Beruf Mensch sein dürfen.


Ist die Maskierung und Kostümierung nicht auch eine Erlösung für eine kurze Zeit?

Ja, klar. Lasst uns alle fröhlich Karneval feiern!


Warum ist es so schwer, seine Maske abzulegen? Ist es nur die fehlende Liebe?

Es ist auch die Unsicherheit, was passiert, wenn ich mich zeige wie ich wirklich bin. Was macht ein anderer damit, wenn er mich so erlebt? Letzlich ist es immer die Sorge um Anerkennung, die uns antreibt, und die Befürchtung, sie nicht zu bekommen.


Kann ich denn liebevoll sein, ohne mich selbst zu lieben?

Wenn man sich selbst nicht mag und alle Liebe immer nur auf einen anderen projiziert, dann kann das auf die Dauer nicht gut gehen. Sich selbst lieben zu können und einem anderen Liebe zu zeigen, das gehört schon beides zusammen. Nicht umsonst sagt Jesus ja auch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“


Tragen Sie eine Maske?

Natürlich bin ich nicht frei davon. Natürlich zeige ich nicht immer und jedem, wie es wirklich in mir aussieht. Natürlich richte ich mich auch nach Erwartungen, die an mich herangetragen werden. Aber ich will doch auch Mensch sein können. Ich will auch durchscheinen lassen, wie es mir geht und das auch in der Gemeinde sagen können. Als Pastor lebe ich doch davon, anderen Menschen wirklich zu begegnen und ihnen auch selbst als Mensch zu begegnen und nicht immer damit beschäftigt zu sein, mich zu verstellen und Verstecken zu spielen.


Erwartungen einmal nicht erfüllen? Vor zwei Jahren habe ich das getan. Ich traf eine Entscheidung, die meine Schwester schwer enttäuscht hat. Diese Entscheidung steht nun immer noch zwischen uns, obwohl wir lange darüber gesprochen haben. Wie gehe ich damit um, dass sie ihre Enttäuschung nicht überwinden kann?

Das wird natürlich passieren, dass man Enttäuschungen provoziert, wenn man nicht mehr alle Erwartungen erfüllt. Wichtig finde ich es dann, zu vermitteln, warum man so und nicht anders handelt. Und dabei von sich selbst redet und von dem, was einem selbst wichtig ist oder eine Last war. Also zu sagen: Ich erfülle deine Erwartung nicht, weil du so blöd bist, sondern weil mir etwas anderes wichtig ist, oder weil ich etwas nicht schaffe oder unter etwas leide. Dann hat der andere viel eher eine Chance zu verstehen, warum ich so und nicht anders handele.


Darf man andere – und womöglich gar auch öffentlich – demaskieren?

Ich finde, da muss man wissen was man tut. Demaskiere ich jemanden, um ihn in die Pfanne zu hauen, mich lustig zu machen? Wenn man im Gespräch ist, dann will ich ehrlich sein können und nachfragen dürfen und Zweifel äußern, wenn ich das Gefühl habe, der andere spielt mir etwas vor. Aber jemanden öffentlich bloßzustellen, ist doch meistens ein Versuch, einen anderen Menschen klein zu machen. Und das hat keiner von uns verdient.


Warum darf ich bei der Arbeit, zum Beispiel gegenüber meinem Chef, nicht ich selbst sein?

Ich sag es noch einmal: Ich darf und ich will bei der Arbeit auch ich selbst sein. Auch von einem Chef muss man sich nicht alles sagen lassen, was mich als Mensch verletzt. Auch gegenüber meinem Chef muss ich ein ehrlicher Mensch bleiben dürfen, ohne mich ständig zu verbiegen.


Wann erkenne ich, ob mein Gegenüber eine Maske trägt.

Das ist sicherlich nicht immer zu erkennen. Manchmal erlebt man ja auch mit einem Menschen Überraschungen und sagt: Das hätte ich ja nicht von Dir gedacht. Aber je besser man einen Menschen kennt, desto eher merkt man doch, wenn man ihm etwas nicht abnimmt. Und dann darf man natürlich auch mal nachhaken.


Gibt es auch Menschen, die nie eine Maske tragen?

Unter Erwachsenen jedenfalls nicht, denke ich. Kleine Kinder und Babys aber gehen ja so herrlich unmaskiert durchs Leben und haben deshalb alles Recht der Welt, dass wir Erwachsenen liebevoll mit ihnen umgehen.


Ist es immer hilfreich, vor seinem Gegenüber die Maske abzulegen?

Das sicher nicht. Aber wenn eine Beziehung und Vertrauen wachsen soll, dann kommen wir um das Ablegen der Maske dann und wann nicht herum.


Wie finde ich den Mut zur ständigen Offenheit ohne Maske?

Von „ständiger Offenheit ohne Maske“ würde ich gar nicht reden wollen. Aber wenn ich mir selbst wichtig bin, wenn mir andere Menschen wichtig sind, wenn ich mein Leben nicht verpassen will, dann kann ich mich nicht immer hinter einer Maske verstecken. Das ist der Antrieb. Und Mut macht mir mein Glaube, das Vertrauen, dass Gott mich durch und durch kennt und trotzdem liebt. Mut zur Offenheit macht mir diese Erfahrung mit Menschen, die mich gut kennen, und trotzdem oder gerade deshalb an mir festhalten.


Es gibt Leute, die die Wahrheit verdrängen und nicht an sich ran lassen. Daher können sie ihre Rolle oder Maske nicht fallen lassen. Was raten Sie ihnen?

Ich rate ihnen das, was ich in der Predigt gesagt habe: 1) Frage ehrlich, wer du eigentlich bist. 2) Erfülle nicht mehr alle Erwartungen. 3) Rede offen über dich selbst.


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