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Home > Go!Special > Rückblick > 2011-03-06 > Predigt2011-03-06

"Ach, wie gut, dass niemand weiß..." Die Predigt beim Go!Special am 6. März 2011

Pastor Lutz Tietje während der Predigt (Foto: A. Kroll).

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort).

 

Liebe Go!Special-Freunde,

was erwarten Sie jetzt in diesem Augenblick? An einem Sonntag mitten im Karneval, in einem Go!Special genau zu diesem Thema, der sich um Masken und Rollen dreht – was erwartet man dann von einem Pastor, der zu all dem etwas sagen soll. Zunächst doch wohl ein Minimum an Verkleidung [setzt sich eine rote Nase auf], und dann, dass es auch etwas zu lachen gibt. Es ist ja immer nett anzuschauen, wenn sich jemand zum Affen macht.

Wenn auch vielleicht nicht so ganz freiwillig – so wie bei dem Arbeitslosen, der einen Job in einem Tierpark angenommen hat. Im Tierpark war der Gorilla gestorben, und da der Zoo-Direktor nicht so schnell Ersatz beschaffen konnte, hatte er die Idee, einem Menschen ein Gorilla-Kostüm auf den Leib zu schneidern, damit der im Affengehege vorübergehend den Gorilla spielt. Der Arbeitslose nahm die Rolle gerne an. Anfangs war es etwas ungewohnt, weil er erstmal trainieren musste, über Äste und an Seilen zu turnen. Aber mit der Zeit klappte das immer besser, und keiner der Besucher des Tierparks merkte, dass es kein echter Gorilla in dem Gehege war.

Bis er eines Tages so übermütig wurde, dass er bei einem gewagten Sprung über den Zaun des Geheges flog und im Nachbargehege landete. Dumm, dass das Nachbargehege ausgerechnet das Gehege der Löwen war. Kaum war er dort gelandet, hatte ihn auch schon ein Löwe entdeckt und kam direkt auf ihn zu. Darauf war der unechte Gorilla in seiner Rolle nun überhaupt nicht vorbereitet, und wagte vor lauter Angst nicht, sich zu bewegen. Als der Löwe nur noch einen Sprung weit entfernt war, wusste der Gorilla sich nicht anders zu helfen, als laut und deutlich „Hilfe“ zu rufen. In diesem Augenblick hörte er den Löwen, der sagte: „Halt die Klappe, Mann, sonst sind wir beide unseren Job los.“

So viel zum Thema, wie man manches Mal in eine Rolle hineinrutscht, und dann damit zu tun hat, sie auch auszufüllen. Aber es ist ja eigentlich ganz normal, dass wir in unserem Leben unterschiedliche Rollen ausfüllen: bei der Arbeit, in der Partnerschaft, in der Familie, in der Freizeit, im Verein. Ich wundere mich nicht darüber, wenn mir ein Familienvater sagt, dass er zuhause mit seinen Kindern anders spricht als mit den Kunden in der Firma. Dass er sich gegenüber seinem Chef anders verhält als gegenüber seiner Frau – auch wenn die zuhause der Chef ist.
Masken und Rollen gehören zu unserem Leben dazu. Schließlich will man ja nicht überall und gegenüber jedem sein Innerstes nach außen kehren.

Aber hellhörig werde ich in Gesprächen immer dann, wenn das Wort „eigentlich“ fällt. Wenn mir jemand sagt: „Eigentlich bin ich ja ganz anders“. „Eigentlich müsste ich mit meinem besten Freund mal ein ernstes Wort reden.“ „Eigentlich ist meine Ehe so eingefahren in vorgegebenen Rillen, wie bei einer Langspielplatte, aber ich traue mich nicht etwas zu ändern.“ Eigentlich mache ich diesen Beruf nur, weil schon mein Vater und mein Großvater diesen Beruf ausgeübt haben, aber richtig wohl fühle ich mich dabei nicht.“

In solchen Sätzen macht mich das Wort „eigentlich“ hellhörig. Denn es erzählt von so viel verpasstem Leben, von uneigentlichen Leben, vom Unglücklichsein und manchem Beziehungsdrama und mancher Lebenskrise, die sich aus solchem „uneigentlichen Leben“ entwickelt.

Wie kommt das aber, dass Masken und Rollen solche Kraft entwickeln können, dass es uns schwer fällt, und daraus zu befreien, oder sie überhaupt erst zu erkennen? Die wichtigste Antwort auf diese Frage scheint mir zu sein: Ich will geliebt werden. Und wenn ich den Erwartungen anderer an mich entspreche, wenn ich meine Rolle gut ausfülle, dann ist die Chance groß, dass ich auch gemocht werde. Vielleicht glaube ich nicht, dass ich geliebt werde, wenn ich mich so zeige, wie ich wirklich bin. Vielleicht kann ich mich selbst nicht lieben. Und mancher mag es auch schon erlebt haben, wie verletzlich man ist, wenn man sich ohne Maske so zeigt, wie man wirklich ist.

Das ist ein wenig so wie im Märchen vom Rumpelstilzchen, das diesem Go!Special den Titel gegeben hat: „Ach, wie gut, dass niemand weiß...“ In dem Märchen vom Rumpelstilzchen ist es ja so, dass die arme Müllerstochter schier verzweifelt bei dem Versuch, aus Stroh Gold zu spinnen. Das ist wie im richtigen Leben: Da ist so viel Stroh in meinem Leben, und ich würde so gern Gold daraus machen. Ich bin ein so gewöhnlicher und auch unvollkommener Mensch, dass ich es gern erleben würde, wenn das ein oder andere an mir auch beginnt zu glänzen.

Aber welche Kraft auch zu einem neuen Anfang ist dazu nötig, wenn wir Masken und gewohnte Rollen ablegen wollen? Ich finde es unter diesem Blickwinkel faszinierend, in der Bibel von Menschen zu lesen, die so einen neuen Anfang hinbekommen haben. Die Bibel ist voll von solchen Geschichten über Menschen, die mit Gottes Hilfe einen neuen Anfang gewagt haben. Gerade darum ist Jesus auch auf die Menschen seiner Zeit zugegangen, dass sie spüren konnten: Du musst dich nicht festnageln auf die Krankheit oder die Sorgen, die dich bedrücken. Du musst dich nicht länger in die Rolle drängen lassen, die alle von dir erwarten. Du kannst noch einmal ganz anders anfangen, wenn du merkst, dass die Nähe Gottes deinem Leben einen unverlierbaren Glanz, Würde und Wert gibt.


Und es sind immer mehrere Schritte, die Menschen dazu tun, um Rollen und Masken abzuschütteln:

1) Frage ehrlich, wer du eigentlich bist. Ohne die ehrliche Frage nach dir selbst, noch dem, was dein Herz bewegt, was dir wichtig ist, wirst du deine Masken nicht los.

2) Erfülle nicht mehr alle Erwartungen. Fange an einer Stelle damit an. Der Termin, zu dem du seit Jahr und Tag mit Unwillen hingehst, sag ihn ab. Die ehrliche Rückmeldung, die du einem wichtigen Menschen geben willst, aber immer wieder mit deiner Freundlichkeit überspielst, sag sie jetzt.

3) Rede offen über dich selbst. Fang nicht bei den anderen an, die dich mit Erwartungen erdrücken oder in bestimmte Rollen drängen. Sondern rede von dir selbst offen, von dem, was dich bewegt und was dir zu schaffen macht und was dir bisher nicht gelungen ist.

Auf diese Weise ehrlich zu sein und der Wahrheit über uns selbst Raum zu geben, ist wichtig. Nicht umsonst hat Jesus gesagt: Die Wahrheit wird dich frei machen.
Aber die Wahrheit allein genügt noch nicht, wenn der neue Anfang wirklich gelingen soll. Das ist mir klar geworden an der Geschichte von Jesus und Petrus. Sie erinnern sich: Petrus war derjenige unter den Jüngern, der der Tollste und Glaubensstärkste war. Der sich selber auch in dieser Rolle gefiel, vor alle anderen zu treten und zu verkünden, dass er für Jesus einstehen, für ihn kämpfen wolle, und sich gern als der Fels zeigen wolle, auf dem die Kirche gebaut werden kann.

Aber die Erlebnisse, die diesen Worten folgen, reißen im brutal diese Maske vom Gesicht. Petrus erweist sich als der, der Jesus im Stich lässt, und der so tut, als kennt er Jesus nicht, gerade in dem Moment, in dem es drauf ankommt. Und am Ende sitzt er irgendwo in einer dunklen Ecke und weint bitterlich, weil er hat erfahren müssen, dass da so viel Stroh ist in seinem Leben.

Dann aber, nach Jesu Auferstehung, kommt es noch einmal zu einer Begegnung mit Jesus. Und in dieser Begegnung von Jesus und Petrus, von der das Johannesevangelium erzählt, in dieser Begegnung, in der Petrus keine Chance hat, seine alte tolle Maske noch einmal aufzusetzen, da überhäuft Jesus den Petrus nicht mit Vorwürfen und mit der bitteren Wahrheit über die Schwäche des Petrus. Sondern Jesus stellt ihm nur einer Frage: „Hast du mich lieb?“ Dreimal fragt Jesus das, und dreimal antwortet Petrus mit „Ja“ und ist gleichzeitig beschämt, dass er dabei so kläglich versagt hat. Und dann sagt Jesus zu ihm: Ich lasse dich nicht los. Geh hin und führe das, was Gott mit den Menschen begonnen hat, weiter.

Diese Frage „Hast du mich lieb“ ist das Entscheidende. Es ist die Liebe Gottes, der dich durch und durch kennt, die dein Leben trägt. Diese Liebe und die Wahrheit sind Geschwister. Aber ohne die Liebe gibt es keinen Neuanfang. Die Liebe, mit der Gott dich ins Leben gerufen hat, und mit der er dich nicht loslässt. Die Liebe, mit der auch Jesus auf die Menschen zugegangen ist und sie hat spüren lassen: Du bist nicht vergessen. Dich kann Gott brauchen. Du bist für Gott mehr als alle Masken und Rollen. Die Liebe macht dich zu dem, der du eigentlich bist. Diese Liebe macht mir Mut, mich hier vorne hinzustellen und zu sagen: Ach, wie gut, dass jeder weiß, dass ich Lutz Tietje heiß.
Danke für's Zuhören.

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