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Die Predigt im Go!Special "Unerhört! ...und alle tun es!" am 25.09.2011 in St. Paulus

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort).

Liebe Go!Special-Freunde,

stellen Sie sich vor, ich habe eine Statistik gelesen, in der die Frage gestellt wird: „Wie häufig nehmen Sie Nahrung zu sich?“ Und 44 Prozent aller Befragten hat geantwortet „Nie“ und nur 22 Prozent sagten „Ein- oder mehrmals täglich“. Sofort denken wir: Das kann nicht sein. Wie soll ein Mensch leben, ohne Nahrung zu sich zu nehmen?

Wir wissen ja alle, dass man Statistiken nicht trauen kann. Oft wird schon die Frage falsch gestellt und verfälscht dann das ganze Ergebnis. Im Fall dieser Statistik war es genauso. Die Frage war falsch gestellt, denn sie lautete: „Wie häufig beten Sie?“. Und darauf antworteten 44 Prozent „Nie“ und 22 Prozent „Ein- oder mehrmals täglich“. Aber was ist Beten anderes als Nahrung zu sich zu nehmen, Nahrung für die Seele? Wie kann ein Mensch inwendig leben, wie kann eine Seele leben, wenn sie keine Nahrung bekommt?

So einfach und direkt möchte ich gern vom Beten denken und reden: Das Gebet, das ist Nahrung für die Seele. So einfach möchte ich vom Beten reden, weil ich erlebe, dass viele Menschen das Beten als sehr kompliziert erleben. Vielleicht liegt das daran, dass das Beten etwas ganz Persönliches ist. Es geht um das, was einen Menschen im Innersten bewegt, was ihm auf der Seele liegt, und darüber zu reden, ist nicht einfach.

Vielleicht ist das Beten aber auch deshalb kompliziert, weil viele meinen, man muss ein besonderer Mensch sein, um Beten zu können. Jedenfalls erlebe ich das oft als Pastor, dass Menschen meinen, ich müsste das besonders gut können: Beten. Ich hätte einen besonderen Draht zu Gott. Gerade in diesem Sommer, in dem das Wetter schlecht war, habe ich das oft erlebt, dass Menschen mich angesprochen haben mit der Bitte: „Sie haben doch einen guten Draht nach oben. Legen sie doch mal ein gutes Wort ein da oben, damit das Wetter morgen gut wird.“ Es ging um den Ausflug oder die Familienfeier – eben so als sei das Gebet, der Draht nach oben, nicht jedermanns Sache.

Viele meinen auch, es braucht den richtigen Ort für das Gebet – so als gäbe es Orte, an denen man näher dran ist am Himmel oder an Gott. Ich habe das selbst erlebt bei einem Besuch in Rom im Vatikan, da habe ich im Petersdom in einer Ecke ganz unscheinbar ein rotes Telefon an der Wand hängen sehen, und darunter das Schild: „Hier direkter Draht zu Gott. Eine Minute kostet 100 Euro.“ Wow, dachte ich. Das gibt es also tatsächlich, den direkten Draht zu Gott. Erstaunt war ich als ich einige Zeit später bei einem Besuch im Kölner Dom auch in einer Ecke des Doms ein solches Telefon an der Wand entdeckte, darunter das Schild: „Hier direkter Draht zu Gott. Eine Minute kostet 500 Euro.“ Scheinbar ist die Kölner Gemeinde geschäftstüchtiger, oder woher kommt eine solche Preissteigerung? Erst recht erstaunt war ich allerdings, als ich hier in St. Paulus meine Pfarrstelle antrat und entdeckte, dass es auch hier ein solches Telefon gab. Es hing dort hinten hinter der Tür, die zum Gemeindezentrum führt. Da sagte ich zu meinem damaligen Kollegen, Matthias Richter: „Toll, habt ihr hier auch einen direkten Draht zu Gott! Aber es fehlt das Schild, wie viel das Gepräch mit Gott kostet.“ Da sagte Matthias Richter zu mir: „Das brauchen wir hier nicht. Das Gespräch mit Gott kostet hier doch nur 20 Cent pro Minute“. „Was?“, sagte ich, „das ist ja unglaublich, warum ist denn das hier so günstig?“ „Na, ist doch klar“, sagte Matthias Richter, „von hier zu Gott ist es ein Ortsgespräch“.

Und wenn man dann also den richtigen Ort gefunden hat, um mit Gott zu sprechen, dann – so meinen viele – kommt es auch noch auf die Worte an. Wie wählt man seine Worte richtig, damit man Gott dazu kriegt, das zu tun, was man sich wünscht?

So kompliziert kann man vom Beten denken. So viele Variablen gibt es, von denen scheinbar der Erfolg des Gebetes abhängig ist. Eigenartig, dass dann doch so viele Menschen beten. Und sei es nur das berühmte Stoßgebet, dass man zum Himmel hinauf schickt. Das vom Glück beseelte „Gott sei Dank“ oder das „Mein Gott“, dass man ausruft, wenn etwas ganz schreckliches oder etwas ganz schönes passiert. Wir Menschen beten immer dann, wenn wir spüren, dass wir begrenzte Menschen sind: Dass unsere Kraft nicht groß genug ist, um das Leid fernzuhalten und das Leben in jedem Augenblick zu meistern. Dass unser Glück manchmal so groß ist und wir spüren: Das habe ich mir nicht verdient. So scheint das Beten, die Kontaktaufnahme mit Gott, mit einer höheren Macht, gerade in den Grenz-Erfahrungen unseres Lebens etwas Ur-Menschliches zu sein.

Umso mehr bin ich froh, dass in der Bibel häufig ganz einfach und direkt vom Beten die Rede ist. Und dass auch Jesus ganz einfach und alltäglich vom Beten gesprochen und den Menschen dazu Mut gemacht hat. Wir haben es vorhin in unserem Theaterstück gehört, wie Jesus vom Beten dachte: Wenn ihr zu Gott redet, so hat Jesus gesagt, dann redet ihr nicht zu einem fernen, unantastbaren Herrscher des Universums, sondern dann sollt ihr zu Gott sagen: „Vater“ oder auch „Papa“. Wer zu Gott betet, sagt Jesus, der ist wie ein Kind, dass seine Mutter oder seinen Vater um etwas zu essen bittet. Und welcher Vater würde seinem Kind einen Stein geben, welche Mutter würde ihrem Kind eine Schlange geben, wenn es sagt: „Ich habe Hunger“? Der Beter, sagt Jesus, ist wie einer, der einen guten Freund um Hilfe bittet und weiß, den kann ich auch noch nachts aus dem Bett holen, wenn ich wirklich Hilfe brauche.

Beten, das sagt Jesus mit diesen Beispielen, Beten ist immer Ausdruck einer Beziehung, einer Freundschaft, oder auch einer Liebesbeziehung. Und wir wissen das von den Beziehungen, in denen wir leben: Jede Beziehung lebt vom Gespräch. Eine Beziehung stirbt, wenn man nicht miteinander redet. Und so ist es auch in der Beziehung zu Gott. Die Beziehung zu Gott lebt vom Gebet.

Wenn ich einen Freund habe, der nichts von sich selber erzählt und nichts von mir wissen will – wie lange wird eine solche Freundschaft halten? Der Freund, der sich jahrelang nicht meldet und immer nur dann angedackelt kommt, wenn er in der Patsche sitzt und Hilfe braucht, der wird nicht lange mein Freund bleiben. Warum sollte es mit Gott anders sein?

Und in einer solchen Beziehung verändert sich auch die Sprache. Allzu oft denken wir, dass Worte nur dazu da sind eine Information zu vermitteln. Das klassische Beispiel dafür ist die Durchsage auf dem Bahnhof: „Der Zug von Hamburg nach Berlin fährt um 17.32 Uhr aus Gleis 5“. Für einen solchen Gebrauch der Sprache ist es aber überhaupt nicht wichtig, dass ich irgendeine Beziehung zu dem Sprechenden habe. Ja, es genügt sogar, wenn die Stimme vom Tonband kommt.

In einer lebendigen Beziehung aber verändert sich auch die Art und Weise, wie wir die Sprache gebrauchen. Das Beispiel dafür und sozusagen das genaue Gegenteil der Bahnhofdurchsage ist der Satz: „Ich liebe dich“. Hier sagt der Sprecher nicht eine neutrale Information weiter, sondern er teilt sich selbst mit. Er sagt, was er selbst ist, was ihn im Innersten ausmacht und bewegt. Sprache in einer Beziehung enthält immer den Sprechenden selbst. Und so ist auch das Gebet eine Selbstmitteilung des Betenden an Gott.

Das berühmte Gebet, der Psalm 23, beginnt mit den Worten „Der Herr ist mein Hirte“. Dieser Satz ist keine Informationsvermittlung, so nach dem Motto: „Lieber Gott, ich informiere dich jetzt mal darüber, was du für einer bist.“ Sondern der Beter des Psalms 23 sagt etwas von sich selbst mit diesem Gebet: Ich bin behütet. Ich bin geführt und geleitet, manchmal über mein Verstehen hinaus, wie von einem guten Hirten.“

Und eine solche Sprache verträgt Wiederholungen. Ich weiß nicht, wie oft ich den Psalm 23 schon gebetet habe, allein und mit anderen, leise und laut. Und das Gebet ist auch durch die Wiederholungen nicht verdorben oder langweilig geworden. Ja, das Gespräch in einer Beziehung lebt sogar ein Stück weit von solchen Wiederholungen. Wenn meine Ehefrau morgen zu mir sagt: „Ich liebe dich“, dann werde ich doch nicht antworten: „Danke für diese Information, aber das hast du mir bereits letzte Woche gesagt.“

Wenn man also das Beten zu Gott als Ausdruck einer Beziehung, einer Freundschaft zu Gott versteht, dann wird auch verständlich, warum das Gebet nicht Mittel zum Zweck sein kann. Es dient nicht einfach dazu, etwas bestimmtes von Gott zu erreichen. Das würde keiner Beziehung gut tun, wenn es nur um diese eine Frage ginge: Wie bringe ich mein Gegenüber dazu, etwas bestimmtes für mich zu tun? Damit sage ich nichts gegen das Bittgebet. Meine Wünsche, meine Leiden, meine Hoffnungen gehören doch zu mir. Warum sollte ich sie Gott nicht sagen dürfen? Aber Beten ist für mich viel mehr als nur eine Technik, mit der ich Gott dazu bringe, mir einen Wunsch zu erfüllen.

Beten heißt für mich: Ich teile mit Gott mein Leben, meine Sicht auf die Welt in mir und um mich herum. Und meine Erfahrung ist, dass ich dadurch auch die Welt mit anderen Augen, vielleicht mit Gottes Augen sehen lerne.

Und weil ich einfach vom Beten reden will, möchte ich noch drei Empfehlungen weitergeben für alle, die mit dem Beten und der Beziehung zu Gott einen Anfang machen wollen. Denn Beten ist in einem guten Sinne mehr Handwerk als Kunst. Man kann das Beten lernen, so wie ein Kind das Sprechen, Lesen und Schreiben lernen kann:

Erstens: Beten braucht Zeit. Am besten eine feste Zeit, eine Verabredung, eben so, wie man sich auch mit einem guten Freund verabredet. Für manche ist die beste Zeit für eine Verabredung mit Gott der frühe Morgen, bevor die Arbeit und der Alltag beginnen. Für andere ist es der Abend. So ist es bei mir. Wenn die Kinder im Bett sind, wenn alles geschafft ist, dann nehme ich mir diese Zeit mit Gott. Finden Sie heraus, welche Zeit für Sie die beste ist, in der Sie die Ruhe haben, mit Gott in Kontakt zu kommen. Und verabreden Sie sich regelmäßig, und nicht nur, wenn es ihnen gerade einfällt.

Zweitens: Das Gebet braucht einen guten Ort. So wie man auch die guten Gespräche mit dem besten Freund, nicht zwischen der Spüle und dem Schreibtisch führt, sondern sich zu einem Spaziergang verabredet oder sich gemütlich in einer Kneipe niederlässt. Finden Sie den Ort, wo Sie es sich mit Gott etwas gemütlich machen können, wo vielleicht eine Kerze brennt oder das Ambiente Ihnen hilft, zur Ruhe zu kommen vor Gott.

Drittens: Keine Angst vor vorformulierten Gebeten. Ich finde, sich Worte für das Gespräch mit Gott zu leihen, ist eine gute Möglichkeit, um etwas von sich selbst Gott zu sagen, den Blick auf mein Leben und auf meine Welt mit Gott zu teilen. Ja, manchmal rede ich beim Beten gar nicht so viel. Dann setze ich mich abends hin, zünde eine Kerze an, und weiß: Jetzt kann ich da sein vor Gott. Und dann gehe ich in Gedanken den Tag durch, den ich erlebt habe, die Menschen die ich getroffen habe, die Worte, die ich gesagt habe oder die ungesagt blieben, das was ich getan und geschafft habe, und das was ich versäumt habe. Und ich weiß, Gott hört und sieht das alles. Und dann spreche ich ein vorformuliertes Gebet, manchmal das Vaterunser, manchmal das Gebet, das ich noch aus meinen Kindertagen kenne – und ich weiß, in diesen geliehenen Worte sage ich Gott etwas von mir, meinem Tag, meiner ganzen Welt: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein. Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott, nicht an. Alle Menschen, groß und klein, solln in Deinem Schutze sein.“

Danke fürs Zuhören.

Pastor Lutz Tietje

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