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Die Predigt im Go!Special am 17.06.2012: "Sieg und Niederlage im Spiel des Lebens"

Pastor Matthias Schlicht bei der Predigt

Beim Schützenfest hatte mir mein Vater die offizielle Fahne geschossen. Darauf sah man Tip und Tap, die offiziellen Maskottchen für die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 1974. Dann kam der große Tag, der 7. Juli. Zum Fernsehen bekam ich eine (kleine) Flasche Cola und eine Tüte mit Chips. Und dann guckte ich das Finale Deutschland – Holland. Nach 53 Sekunden blieb mein Herz stehen. Ulli Hoeness foulte Johann Cruyff, und der Schiedsrichter John Taylor gibt Elfmeter. Neeskens haute ihn mitten in die Mitte rein. Und ich war den Tränen nahe. Meine Mutter verließ das Wohnzimmer, das wollte sie sich nicht ansehen.

Endlich, nach 25. Minuten, eine Flanke von Wolfgang Overath auf Bernd Hölzenbein, der wird gefoult (oder war es eine Schwalbe) und Elfmeter für Deutschland. Paul Breitner schnappt sich den Ball und – zack – haut ihn unten links rein. Vater und ich haben gejubelt und Mama kam wieder in’s Wohnzimmer. Und dann die 42. Minute. Rainer Bonhof spielt Gerd Müller an und der dreht sich um sich selbst und bekommt irgendwie den Ball über die Linie. 2 : 1.

Die 2. Halbzeit war kaum auszuhalten. Die Holländer stürmten auf das deutsche Tor, Sepp Maier stand wie ein Fels in der Brandung, vor ihm Berti Vogts, Schwarzenbeck und Beckenbauer. Und dann der Abpfiff. Ich habe es wirklich gefühlt: ich war Weltmeister geworden, wir waren Weltmeister geworden. Die Nachbarn kamen rüber mit einer Flasche Korn und feierten mit uns. Es war wunderbar. So ein Tag, so wunderschön wie heute.

Warum sind Menschen so fasziniert von Sportveranstaltungen. Ob Fußball, Handball, Volleyball, Basketball, sogar Tennis oder Snooker? Die Soziologen erklären das so: es geht um das Gemeinschaftsgefühl. Einer allein freut sich ein wenig, aber mit 70.000 freut er sich 70.000 mal mehr. Dann gibt es noch das „Flow“-Gefühl. Wenn die Gefühlshormone kreisen – und zwar in der Gemeinschaft – dann verstärkt sich der Gefühlseffekt.

Die Psychologen erklären das so: der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Aber wir haben es uns kulturell abgewöhnt, dem anderen einfach so auf den Kopf zu schlagen. Die Aggression ist aber trotzdem da und will ausgelebt werden. Das machen wir, wenn wir den Mannschaften auf dem Spielfeld – quasi unsere Stellvertreter – zugucken und sie anfeuern. Die Theologen interpretieren die Sportbegeisterung im Kompromiss mit Soziologen und Psychologen. Das, was da auf dem Spielfeld passiert, steht symbolhaft für unsere eigene Gefühlswelt. Und das erleben wir gemeinsam. Wenn Schweinsteiger den entscheidenden Elfmeter verschießt und sich danach vor Scham und Ärger das Trikot über das Gesicht zieht: das habe ich doch auch schon mal erlebt. Dass ich etwas richtig danebengehauen habe. Und wie geht er damit um? Wir würde ich damit umgehen? Und was kommt dann?

In Deutschland haben wir sogenannte „Fußballweisheiten“. Die berühmteste stammt von Sepp Herberger: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“. Kaum einer weiß, dass dieser Spruch in der Bibel stehen könnte. Und in abgewandelter Formulierung steht er tatsächlich da. Sprüche 24, 16: Ein Mensch fällt im Leben siebenmal, und siebenmal steht er wieder auf. Ich weise nachdrücklich darauf hin: vor Gott ist hier nicht die Rede.

Was bedeutet der biblische Spruch? Ich hörte ihn von meinem Professor für Altes Testament kurz vor dem 1. Examen. Er erklärte: die Sieben als Zahl ist symbolisch zu verstehen. Trotzdem überlegte ich mir damals (ich war Mitte Zwanzig), wie oft ich in meinem bisherigen Leben schon so richtig gefallen bin. Zweimal ergab meine Zählung. Als ich im 1. Semester durch die 1. Prüfung (Latein) gefallen bin und dachte, jetzt ist dein Studium zu Ende. Dann kam in der Mitte des Studiums der Brief vom Landeskirchenamt Hannover, dass nicht alle Studenten übernommen werden könnten. Da musste ich überlegen, ob ich das Studium tatsächlich abbreche. Meine Eltern haben mich überredet, dass nicht zu tun. Dafür bin ich Ihnen immer noch dankbar.

Heute bin ich 50 Jahre alt. Und bisher bin ich viermal gefallen. Dreimal habe ich also noch vor mir. Aber die Erfahrung: nach dem Spiel ist vor dem Spiel hat sich bewahrheitet. Wie kommt das?

Es gibt eine Kraft in uns, eine Energie, die wir oft nur in Extremsituationen fühlen. Vorher kann man davon reden, aber spüren können wir sie nur, wenn es darauf ankommt. Als Christen glauben wir: das ist eine Kraft Gottes. Eine Kraft, die dich aufstehen lässt. Eine Kraft, die dich durchhalten lässt. Eine Kraft, die nach einer Zeit von Tränen und Leid sagt: steh auf, auch wenn du am Boden liegst. Diese Kraft ist da. Nicht theoretisch, sondern nur praktisch. Das ist erfahrbare Wirklichkeit Gottes.

Da muss – wie bei Sepp Herberger und in der Bibel – noch nicht mal der Name Gottes genannt werden. Das ist einfach evident. Viermal bin ich gefallen, dreimal steht mir noch bevor. Und der letzte Fall, das wird mein eigener Tod sein. Doch auch angesichts meines eigenen Todes weiß ich: nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nach dem Spiel des Lebens, kommt eine Zukunft bei Gott. Auch nach dem letzten Fall stehe ich auf.

Heute Abend spielt Deutschland gegen Dänemark. Beim Sieg sind wir im Viertelfinale. Achten Sie mal darauf: was da auf dem Spielfeld passiert, passiert auch in Ihnen. Ich wünsche Ihnen ein schönes Spiel, eine Flasche Cola und eine Tüte Chips. Ob mit oder ohne Fanfahne vom Schützenfest.

(Pastor Matthias Schlicht)

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