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Die Predigt im Go!Special "Wer war das?! - Von Schuld und Schulden" am 18. November 2012

Pastor Matthias Schlicht bei der Predigt (Foto: M. Knoop)

Kennen Sie noch den „Kommissar“. Ende der 60er und Anfang der 70er ermittelte Kommissar Keller alias Erik Ode mit seinem Team und natürlich mit der Sekretärin Fräulein Rehbein. Als Kind durfte ich das natürlich nicht gucken. Aber mein Kinderzimmer lag gleich neben dem Wohnzimmer und durch die dünne Wand hörte ich mit, wenn am Freitag abend im ZDF die Jagd losging. „Wer war es? – das war immer die spannende Frage. Vielleicht hat diese Kindheitserfahrung dazu geführt, dass ich bis heute gerne Krimis gucke (am liebsten aus Skandinavien oder England). Ebenso lese ich gerne Kriminalromane. Damit bin ich wohl auch nicht allein. Wenn man mal guckt, wie groß die „Krimiecke“ in den Buchläden ist, dann teilen viele mein Interesse. Der Wunsch, rauszukriegen wer oder was dahintersteckt, scheint uns in den Genen zu liegen. Das weiß schon das Buch der Bücher, die Bibel.

 

Gleich auf Seite 1 erschafft Gott die Welt, und er schuf sie gut und schön. Dann aber, auf Seite 2, geht es schon los. Adam und Eva, ein Gleichnis für die ganze Menschheit, ein Gleichnis auch für uns, leben unschuldig im sog. Paradies. Zwei Bäume sind ihnen allerdings verwehrt. Und von dem einen können sie die Finger nicht lassen. Gott erwischt sie und weist sie aus, damit sie bloß nicht auch noch vom zweiten Baum kosten. Aber die Frucht des ersten Baumes: die ist nun in ihnen und wird für immer in ihnen bleiben. Auch wir haben sie in uns. Es ist „die Erkenntnis des Guten und des Bösen“. Damit leben wir: jenseits von Eden. Und damit können wir Gut und Böse unterscheiden. Wenn wir das nicht könnten, gäbe es keine Schuld und kein Schuldgefühl. Das macht uns Menschen zu Menschen. Ein Tier hat keine Schuld. Nur Menschen können Schuld empfinden. Wir sind Menschen, weil wir schuldig werden und uns schuldig fühlen.

 

Da ist die Frau, die bei der Olympiade in München nicht reagiert hat. Und sie fühlt sich schuldig. Da ist die Studentin, die Oma nicht besuchen will, obwohl die das Studium finanziert. Da ist die Lehrerin, die einen Schüler, der sich schuldig gemacht hat, angemessen behandeln will. Aber wie? Aber wie – fragt auch der Mensch, der in dieser Welt ökologisch richtig leben will. Aber egal, was er tut, schuldig wird er immer. Was für ein Dilemma. Wie kommt man da raus.

 

Als Mensch: gar nicht. Aber wie kann man damit umgehen, wie kann man damit leben?

 

Wenn ich nicht weiter weiß, dann schaue ich in der Bibel bei Jesus nach. Er ist für mich der Grund meines Glaubens. Auch Jesus lebte als Mensch unter Menschen, unter schuldbeladenen Menschen. Doch er tat etwas, was auf den ersten Blick, die Schuldkrise noch mehr erschwert. Er bringt Gott mit ins Spiel. Er sagt: wenn jemand einem anderen Menschen etwas antut, dann tut er Gott etwas an. Denn Gott steht hinter jedem einzelnen Menschen, er verkörpert seine Würde. Wer einen Menschen böse anrührt, rührt Gott böse an. So ist jede Schuld an einem Menschen auch eine Schuld an Gott: das nennt Jesus „Sünde“. Doch Gott geht damit anders um, als wir es tun. Gott rechnet nicht auf und rechnet nicht ab. Gott vergibt. Wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn nimmt er jeden in den Arm: denjenigen, dem Schuld angetan wurde und auch den, der schuldig geworden ist. So ist Gott. So ist nur Gott. Doch wenn wir das wissen, können wir es nicht auch so tun. Wir beten: Vergib uns unsere Schuld. Und dann beten wir: wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Wenn das gelingt, ist das wunderbar. Können Sie sich an das letzte Mal erinnern, an dem Sie sich entschuldigt haben? Wenn dann die Entschuldigung angenommen wird: da atmet man doch richtig auf. Dann fühlt man sich selber beschenkt und frei und mit neuer Kraft und Zukunft ausgerüstet. So ein Gefühl sollte sich nach jedem Vaterunser einstellen; jeden Tag oder zumindest jeden Sonntag.

 

Heute ist Volkstrauertag. Wir denken an die Opfer von Krieg und Vertreibung, von Gewaltherrschaft und dem unsäglichen Leid, dass im Namen des deutschen Volkes verübt worden ist. Heute denke ich auch an Hans. Ich lernte ihn kennen vor 20 Jahren, im Sommer, im Kibbuz Ma’agann am Südufer vom See Genezareth. Beim Abendessen war er Mann hinter dem Tresen, der den anderen Obern die Getränke bereit stellte. Er war schon recht alt. Am Ende des Abends – die anderen waren schon in ihre Bungalows gegangen – kam er zu mir mit zwei Gläsern Rotwein. Und er sprach mich an – im reinsten Hamburger Platt. Bestimmt 75 Jahre alt – und Hamburger Platt am See Genezareth. Er sagte, er habe gehört, wir wären aus Norddeutschland und wollte alles Neue aus Hamburg wissen. Dann sagte er ganz norddeutsch „Prost“ und beim Anstoßen sah ich die Tätowierung auf seinem rechten Arm. KZ – Häftlingsnummer. Er merkte, dass ich es merkte. Und erzählte. Kurz und knapp, von unsäglichem Leid und seiner Flucht. Dann richtete er sich auf, lachte mich an und sagte mir, der ich aus dem schuldbeladenen Volk komme: L’hajim. Das ist hebräisch und heißt: Auf das Leben. Mehr kann man nicht sagen. Schuld begleitet uns immer. Und Vergebung ist eine Lebenseinstellung, eine Haltung, die die Zukunft öffnet. In diesem Sinne: L’hajim. Auf das Leben.

 

(Pastor Dr. Matthias Schlicht)

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