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"Wird schon wieder? - Wie wir mit Leid leben" - Die Predigt im Go!Special am 10. März 2013

Pastor Lutz Tietje während der Predigt

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort).


Liebe Go!Special-Freunde!


Der kleine, achtjährige Junge kam weinend nach Hause. So bitterlich weinte er, dass er vor lauter Schluchzen gar nicht erzählen konnte, was eigentlich passiert war. Er hatte sich an diesem Nachmittag mit ein paar Freunden zum Fußballspielen getroffen auf dem Bolzplatz ein paar Straßen weiter. Und dieses Mal hatte ihn seine Mannschaft als Torwart gewählt. Er war kein besonders guter Fußballer, aber jedes Mal, wenn er auf dem Platz stand, hatte er den Ehrgeiz: Dieses Mal beweise ich es mir selbst und den anderen, dass ich doch nicht so schlecht bin.


Und dann war das Spiel gerade erst ein paar Minuten im Gange gewesen, da hatte er einen scharf geschossenen Schuss parieren wollen. Aber er hatte es nicht geschafft, den Ball zu fangen, sondern – er wusste nicht wie – war der Ball gegen seine Hand geknallt. Im gleichen Augenblick hatte er einen solchen Schmerz in seiner Hand gespürt, dass er vor Schmerz und Schreck gar nicht anders konnte, als zu weinen. Und dabei hatte er sich doch so viel vorgenommen für dieses Fußballspiel!


Er hatte nicht mehr auf die Kommentare seiner Kumpels gehört, sondern war einfach so nach Hause gelaufen. Dort nahm ihn seine Mutter in Empfang. Weil er vor lauter Schluchzen gar nichts erzählen konnte, nahm sie ihn auf den Schoß, hielt ihn ganz fest, streichelte ihn und sagte ein paar beruhigende Worte. Und ganz langsam hörte das Schluchzen auf, kam der Junge wieder zur Ruhe. Die Mutter musste gar nichts anderes tun, als ihn dort auf dem Schoß ganz sicher und fest zu halten. Dann konnten sie sich die Hand ansehen und er konnte erzählen, was denn eigentlich passiert war.


Sie werden es vielleicht schon geahnt haben: Der kleine, achtjährige Junge, das war ich. Der Arzt stellte damals fest, dass ich mir an der linken Hand den kleinen Finger gebrochen hatte. Ich bekam einen Gipsverband, und nach sechs Wochen war alles wieder verheilt. Ich erzähle Ihnen heute diese kleine Begebenheit, weil sie damals für mich als Kind sehr eindrücklich war, und ich bis heute an dieser Geschichte entdecken kann, was Leid-Erfahrungen mit uns machen und vor allem: wie das Trösten funktioniert. Diese Minuten da auf dem Schoß meiner Mutter, das ist so etwas wie meine persönliche Ur-Erfahrung zum Thema Trost.


Denn was mich am meisten getröstet hat damals, das war ja nicht der Gipsverband, mit dem ich dann nach Hause kam, sondern das waren diese Minuten auf dem Schoß meiner Mutter – obwohl meine Mutter ja scheinbar gar nichts getan und auch nichts weltbewegendes gesagt hatte, um mich zu trösten.


Meine Mutter hätte ja auch ganz anders reagieren können. Drei mögliche Reaktionen fallen mir ein, wie Menschen auch auf das Leid von anderen reagieren könnten, weil sie meinen, so funktioniert das mit dem Trost:


Das Erste: Meine Mutter hätte anfangen können, das Leid zu erklären. Sie hätte mir erklären können, wie mein Körper aufgebaut ist, dass Haut und Knochen eben nicht aus Eisen und Stahl sind, und dass deshalb ein doller Schlag schon mal dazu führen kann, dass etwas kaputt geht. Oder sie hätte versuchen können mich zu trösten mit der Erklärung, dass so ein scharf geschossener Ball ja auch ziemlich schnell fliegt und es wirklich schwierig ist, den richtig zu fangen. Aber welche Erklärungen sie auch hätte finden können, sie bleiben banal, manchmal auch zynisch. Und keine noch so wissenschaftlich fundierte Erklärung wäre dem gerecht geworden, was ich in meinem Leid fühle: meiner Wut, Fassungslosigkeit, Traurigkeit und Angst.


Das zweite, was sie hätte tun können: Sie hätte versuchen können, ein paar schlaue Vergleiche anzustellen, um mich zu trösten: „Weißt du, mein Junge, ich kenne Menschen, die haben noch viel schlimmeres erlebt, die haben sich noch viel mehr verletzt als nur die Hand, und die sind trotzdem wieder gesund geworden.“ Also: „Das wird alles wieder gut“. Oder noch schlimmer: „Stell dich nicht so an“. Aber, verdammt nochmal: Ich habe jetzt diese Schmerzen und bin todunglücklich über diesen Unfall. Was interessiert es mich da, dass es anderen womöglich noch schlechter geht!


Die dritte Möglichkeit: Meine Mutter hätte sich mit mir auf die Suche nach einem Sinn im Leid machen können. Und einen Sinn findet man vielleicht dann, wenn man einen Schuldigen findet: Dieser doofe Junge, der den Ball geschossen hat. Warum musste der auch aus kurzer Entfernung so hart schießen, dass der Ball unmöglich zu fangen war. Oder war ich vielleicht selbst schuld? War ich im entscheidenden Augenblick unkonzentriert und hätte den Ball lieber wegfausten sollen? Oder aber man sucht Sinn, indem man danach fragt, was man aus dem Leid lernen kann: „Dieses Erlebnis wird die eine Lehre sein! Du wirst daran wachsen, dass Du den Schmerz ausgehalten hast. Oder du wirst daraus lernen, und dich beim nächsten Mal als Torwart geschickter anstellen.“


Natürlich kann es manchmal wichtig sein, den Schuldigen auszumachen, und wir lernen aus allen Erlebnissen etwas, auch aus den leidvollen. Aber wenn es um schlimmeres Leid als einen gebrochenen Finger geht, wenn es um Leben und Tod geht oder um eine schlimme Krankheit, dann kommen wir auch mit der Suche nach Sinn nicht wirklich weit. Manchmal ist die Suche nach einem Schuldigen dann nur der Anfang von sinnlosen Schuldgefühlen oder Selbstbestrafung. Und wenn welche erfolgreiche Suche nach einem Schuldigen oder welche „Moral von der Geschicht“ kann den Wert eines Menschenlebens aufwiegen, um das man trauert?


Alle Erklärungen, Vergleiche oder Sinnsuchen greifen angesichts von Leiderfahrungen deshalb zu kurz, weil jedes Leid wie ein „Nein“ ist, dass uns im Innersten trifft. Und wir spüren dieses Nein wie einen Stachel im Herzen. Das hat auch schon der achtjährige Junge gemerkt: Nein, du bist nicht der Torwartheld, sondern manchmal auch ein Häuflein Elend. Nein, du bist nicht stark und unberührbar, sondern auch sehr verletzlich. Nein, was du dir vornimmst, dann bringst du nicht immer zustande. Nein, die Welt ist nicht immer schön und dein Leben immer ein Risiko.


Wenn wir Leid erleben, dann versuchen wir es irgendwie zu schaffen, aus dem „Nein“ zu einem „Ja“ zum Leben zurückzufinden. Alle Trostversuche, die Erklärungen, Vergleiche, die Suche nach einem Sinn im Ganzen, sind der Versuch, das „Nein“ abzumildern oder beiseite zu schaffen. Wirklicher Trost lebt aus dem „Ja“.


Meine Mutter hat es damals geschafft, das „Nein“ in ein „Ja“ zu verwandeln, indem sie mich einfach auf den Schoß genommen und ganz fest gehalten hat. Dadurch habe ich als Kind das „Ja“ gespürt und erfahren: Ja, ich gehe nicht verloren in dem Leid. Ja, ich bin verletzlich, aber ich bin noch wer. Da ist noch jemand, der mich liebt. Ja, ich bin noch wertvoll. Es wird vielleicht eine Narbe zurückbleiben, aber auch mit dieser Narbe macht mein Leben noch einen Sinn, ist es wichtig, dass ich da bin.


Aber die Hände meiner Mutter waren auch nur Menschenhände. Und Menschenhände sind eben manchmal auch ohnmächtig. Und wenn es zu schlimmerem kommt, als zu einem gebrochenen Finger, dann spüren wir diese Ohnmacht besonders schmerzlich.


Deshalb kommt es nicht von ungefähr, dass die Erfahrung von Leid fast automatisch verknüpft ist mit der Frage nach Gott und der Religion. Angesichts des Leides fragen wir nach dem großen Zusammenhang, ob es da nicht etwas oder einen gibt, der die Bruchstücke unseres Lebens zusammenfügen kann zu einem Ganzen, ob wir nicht doch gehalten sind, auch wenn Menschenhände gar nichts mehr ausrichten können. Kein Wunder, dass wir Menschen meinen, Religion habe etwas zu tun mit der Suche nach einem gelungenen Leben und Gott müsse doch ein Garant dafür sein, dass es uns gut geht. Darum ist die Bibel voll mit Geschichten, die vom Glück und vom Leid handeln und von Erfahrungen mit Gut und Böse.


Manchmal wünschte ich es mir, dass ich selbst und wir Menschen nicht erst dann nach Gott, nach dem großen Zusammenhang von allem fragen, wenn wir Leid erfahren. Warum stellen wir diese Frage nicht schon dann, wenn es uns gut geht, wir erfolgreich und glücklich sind?


Aber wie dem auch sei: Auch für die Frage, was Gott und das Leid miteinander zu tun haben, gibt es viele Erklärungsversuche, die tröstlich gemeint sind. In allen Zeitaltern haben sich Generationen von Theologen und Philosophen darüber viele Gedanken gemacht und dicke Bücher dazu geschrieben.


Und diese Erklärungen handeln zum Beispiel davon, dass Gott uns Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat, und wir als solche Ebenbilder Gottes eben freie Menschen sind und nicht Gottes Marionetten, die er lenken kann und die nur das tun können, was Gott will. Als freie Menschen können wir uns entscheiden zwischen gut und böse – und wie viel Leid ist in der Geschichte daraus entstanden, dass Menschen sich so oder so entschieden haben?


Oder die Erklärungen handeln davon, dass Gott uns Menschen liebt. Keine liebende Mutter oder kein liebender Vater möchte, dass seinem Kind etwas schlimmes widerfährt. Aber sperrt er es dann lebenslang in einen Laufstall ein, der noch mit Watte ausgepolstert ist? Nein, weil er sein Kind liebt, will der Vater, dass es sich zu einem eigenständigen und selbstbewussten Menschen entwickelt. Deshalb wird er es laufen lassen, auch auf die Gefahr hin, dass es stolpert und sich das Knie blutig schlägt. Warum sollte es Gott mit uns Menschen, die er liebt, anders machen?


Oder aber die Theologen begeben sich auf die Suche nach Sinn und kommen auf die Idee, Gott würde uns durch das Leiden erziehen oder durch das Leiden bestrafen. Da bin ich froh, dass Jesus selbst dazu gesagt hat: Dass Gott uns durch das Leiden bestraft, das ist Quatsch. Als einmal ein behinderter Mensch zu Jesus gebracht wurde, da fragte die damaligen Schriftgelehrten Jesus: „Wer ist nun schuld an seiner Krankheit? Er selbst oder seine Eltern?“ Und Jesus antwortete: „Keiner ist schuld, weder er noch seine Eltern“.


Aber irgendwie muss doch das große „Nein“, das uns im Leid wie ein Stachel im Herzen sitzt, wegzuerklären sein. Es bleibt dabei, den Stachel kriegen wir nicht weg. Allein aus dem was wir erkennen und erleben, können wir nicht sicher sein, ob es Gott wirklich und immer gut mit uns meint. Nur durch unsere Erfahrungen können wir Gott nicht ins Herz blicken.


Und darum besteht unser christlicher Glaube auch nicht darin, sich für alles eine möglichst schlaue Erklärung einfallen zu lassen, sondern er besteht darin, eine Beziehung zu Gott zu leben und auf das zu hören, was Gott selbst gesagt und getan hat:


Gott selbst lässt uns in sein Herz blicken in Jesus Christus. Da ist Gottes Herz und nirgends sonst als in dem, was Jesus gesagt und getan hat, wie er gelebt und auch gelitten hat. Das ist der Kern des christlichen Glaubens, dass wir in Jesus Christus erkennen können, was wir für Menschen sind, und was Gott für ein Gott ist.


Wir fragen uns was für Menschen wir sind zwischen gut und böse, zwischen Glück und Unglück. Durch Jesus Christus erfahren wir: Wir sind Menschen, die an der Seite Gottes leben. So ernst macht Gott damit, dass wir an seine Seite gehören, dass er selbst an unsere Seite kommt und ein Mensch wird. Und wir fragen uns, was das für ein Gott ist, der uns Gutes und Böses, Leid und Glück erfahren lässt. Und Jesus selbst lebt die Antwort: Gott ist ein Gott, der auf deiner Seite steht, Mensch, so radikal, dass er selbst Mensch wird, damit Du nie wieder daran zweifeln musst, wo Gott ist und wie er es mit dir meint: An Deiner Seite ist er. So wichtig bist du ihm. So sehr liebt er dich.


So ernst meint Gott es damit, dass Jesus nicht wie ein Heiliger über diese Erde gewandelt ist, den nichts und niemand berühren kann, sondern dass er wirklich Mensch geworden ist. Er hat das erlebt, was wir erleben müssen: Sich verraten und verkauft zu fühlen, gefoltert und gequält zu werden. Gott lässt das Leiden nicht einfach zu, er lässt sich darauf ein. An den scheinbar gottverlassensten Ort, am Kreuz, da ist Gott – damit wir wissen, wohin er gehört und wohin wir gehören. Und Jesu Geschichte vom Sterben und Auferstehen erzählt davon, dass auch das Schlimmste Leid dich nicht von dieser Liebe Gottes trennen kann, nicht die schlimmste Folterkammer und noch nicht mal der Tod.


Ich kenne keine andere Religion, in der Gott so radikal liebevoll und menschenfreundlich ist. In Jesus Christus ist das „Ja“ Gottes zum Leben unüberbietbar ausgesprochen und uns zugesprochen. Dieses „Ja“ nimmt Gott nicht zurück, auch wenn ich schuldig werde, auch wenn ich leide und an mir selbst, an der Welt und an Gott verzweifle. Zu diesem „Ja“ möchte ich in allem Leid immer wieder neu zurückfinden: Ja, ich gehe nicht verloren in meinem Leid. Ja, ich ich bin verletzlich und unvollkommen, aber ich kann nicht tiefer fallen als in in Gottes Hand. Keine Narbe an meinem Körper oder an meiner Seele kann das „Ja“ aus der Welt schaffen, in dem sich Gott mit mir verbunden hat. Gottes Liebe ist das „Ja“, das auch dem elendesten Menschen seinen Wert und seine Würde gibt. Deshalb lohnt es sich zu leben. Deshalb lohnt es sich, gegen das Leid zu kämpfen und – auch Gott selbst – nach dem Guten zu fragen.


Diesem „Ja“, das mein Leben trägt, zu vertrauen – darin muss ich mich jeden Tag neu einüben. Aber nur weil ich um dieses „Ja“ Gottes weiß, kann ich auch morgen wieder losgehen und an einem Krankenbett sitzen und das Leid versuchen mit zu tragen. Weil ich weiß, an dem Krankenbett, zu dem ich komme, da sitzt schon einer, nämlich Christus selbst, der gesagt hat: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Danke für's Zuhören.


(Lutz Tietje)

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