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"Am Anfang war der Knall?" - Die Predigt im Go!Special am 16. Juni 2013

Pastor Matthias Schlicht predigt von der Leiter

Da steht ein Fallschirmspringer 30 km über der Erde und setzt zum Sprung an.

 

Da steht ein Pastor auf einer 5 m hohen Leiter – und was passiert, wenn er springt? Ihm passiert dasselbe wie dem Fallschirmspringer. Er landet – unten. Warum ist das so? Erstens, weil (auch) Pastoren nicht fliegen können; zweitens, weil es die Schwerkraft gibt. Diesen Sachverhalt erklärt uns die Naturwissenschaft. Unser alltägliches Erleben, dass Dinge nach unten fallen, kann sie deuten und verständlich machen. Beim Fallschirmspringer und auch beim Nutellabrot, das beim Frühstück immer auf dem Fußboden landet: mit der Nutellaseite voran.

 

Die Naturwissenschaft kann aber noch mehr. Sie kann auch Sachverhalte erklären, die wir sehen und nicht sofort verstehen. Der Philosoph Thales (7. Jh. v. Chr.) hat als erster einen Bernstein an seinem Mantel gerieben und den Stein dann über Wollfussel und Vogelfedern gehalten. Und siehe da: Fussel und Federn fallen „nach oben“: sie werden vom Stein angezogen. Heute kennen wir das Geheimnis. Die Naturwissenschaft hat schon lange das Phänomen vom Elektromagnetismus erkannt und beschrieben.

 

Doch die Naturwissenschaft kann auch Vorgänge erklären, die wir nicht sehen, nicht fühlen und nicht erkennen können. Merken Sie, dass Sie sich gerade drehen? Sie drehen sich in diesem Moment mit ca. 1000 km/h! Das schafft nicht einmal Sebastian Vettel. Sie drehen sich mit der Erde in diesem Tempo um sich selbst. Wir merken das nicht, und dieses unwissende Gefühl zeigt sich auch in unserer Sprache. Wir reden nämlich Unsinn, wenn wir sagen: „Die Sonne geht auf!“ „Die Sonne wandert! „Die Sonne geht unter!“ „Die Sterne drehen sich“. Nichts dreht sich da oben am Himmel, wir drehen uns. Leider unmerklich.

 

Trotzdem kann die Naturwissenschaft diese Tatsache sichtbar machen. 1851 hängte Jean Foucault in Paris ein nach ihm benanntes Pendel auf. Denn ein angestoßenes Pendel verändert nie (!) seine Schwungrichtung. Das hängt mit der Trägheit der Masse zusammen. 200 Jahre vor Foucault hatte das Galileo Galilei  herausbekommen. Doch wenn wir ein schwingendes Pendel beobachten, z.B. wenn wir an die Ursprungsschwunglinie einen Faden legen, dann sehen wir bereits nach fünf Minuten, dass das Pendel nach rechts abweicht. Wir denken: das Pendel dreht sich. Aber das Pendel kann sich nicht drehen. Niemals. Also dreht sich folglich: die Erde unter dem Pendel nach links weg. Mit uns. Mit der ganzen Erde.

 

Wenn die Naturwissenschaft also auch Phänomene erklären kann, die man nicht zu sehen und zu fühlen vermag: kann sie dann nicht auch etwas zu Gott sagen. Der ist ja auch unsichtbar und unfühlbar? Dieser Frage möchte ich mich annähern.

 

Zunächst müssen wir bedenken, dass Naturwissenschaft und Glaube zwei verschiedene Sichtweisen auf ein und dieselben Dinge darstellen. Das möchte ich an einem Bild von Vincent van Gogh erklären. Viele kennen dieses Bild von Postkarten oder Postern. Das Bild heißt „Terrasse du café le soir“. Van Gogh malte es 1888 in Arles. Ich sah dieses Bild im Original in den 90er Jahren im Museum of Modern Art in New York. Im Ausstellungssaal stand eine Frau vor dem Bild und war in ihm komplett versunken. Ich habe es der Frau nachgemacht. Wenn man lange das Bild betrachtet, fühlt man die Sommerwärme. Man denkt, Akkordeonmusik zu hören. In der Luft hängt ein Duft von Pernod, Pastiz und Wein. Und in der Küche wird etwas gekocht. Ich überlege, auf welchen Stuhl ich mich wohl setze und wer an meiner Seite sitzen soll.

 

In diese Phantasiereise platzte auf einmal ein amerikanisches Ehepaar, das laut den Ausstellungssaal betrat. Er sagte: „O look, it’s a van Gogh“. Und sie sagte: „Yes, it is.“ Und dann gingen die beiden weiter.

 

Die Frau und ich sowie das Ehepaar haben beide dasselbe Bild von van Gogh gesehen; doch auf jeweils verschiedene Weise. Das Ehepaar guckte mit den Augen der Naturwissenschaft: ein Subjekt (Ehepaaar) betrachtet ein Objekt (Bild). Das Bild wird identifiziert. Man kann es messen und wiegen. Es ist naturwissenschaftlich – objektiv da! Dagegen hatten die Frau und ich eine andere Betrachtungsweise. Wir haben partizipierend geschaut. D.h. das Bild und ich (bei der Frau war es wohl auch so) sind mit dem Bild verschmolzen. Wir waren auf einmal im Bild und das Bild um uns herum. Das ist ein sehr subjektiver Vorgang, ein starkes Gefühl. Ich vermute, jeder von Ihnen hat so etwas schon einmal erlebt: beim Hören von Musik oder beim Betrachten der Natur oder des Sternenhimmels. Wir werden eins mit dem Gehörten und Geschauten.

 

Das ist der Eingang zur Erfahrungswelt der Religion. Der Sonnenuntergang am Meer: ein naturwissenschaftlich zu erklärender Tatbestand. Und zugleich: ein Geschenk von Gott für mich. Ich muss nicht „Gott“ mit in’s Spiel bringen; es kann aber sein, dass er sich in’s Spiel meiner Gedanken mit einbringt.

 

Die Naturwissenschaft sieht, deutet und beschreibt die Welt so, wie wir sie objektiv wahrnehmen. Der Glaube sieht die Welt so, wie sie auf mich ganz persönlich und subjektiv wirkt. Das ist nichts Falsches. Das ist etwas anderes. Und so braucht – wie schon Max Planck gesagt hat – die Naturwissenschaft den Blick des Glaubens. Und der Glaube braucht die Sicht der Naturwissenschaft. Das geht. Mit großem persönlichen Ertrag. Ganz ohne Knall.


(Pastor Matthias Schlicht)

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