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"Bestie Mensch - Das Böse in uns": Die Predigt im Go!Special am 22. Sepember 2013

Pastor Lutz Tietje (Foto: Marion Knoop)

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort)

 

 

Liebe Go!Special-Freunde!

Schon als Kind habe ich dem Bösen in die Augen geblickt. Und ich erinnere mich noch genau, wie das war, damals im Kasperletheater. Da gab es diese Handpuppe mit dem knallroten Gesicht, der großen krummen Nase, dem schwarzen Strubbelhaar, und den beiden Hörnern am Kopf – der Teufel. Der konnte die anderen verführen und überreden, der konnte so unschuldig tun und gleichzeitig böse sein, der konnte auch mal anderen Gewalt antun, wenn sie nicht so wollten wie er. Aber am Ende, am Ende da war immer der Kasperle rechtzeitig zur Stelle und gab dem Teufel einen über den Döötz – und alles war wieder gut und die Welt ein sicherer Ort.


Was früher das Kasperletheater war, sind heute für mich die Krimis. Die Faszination teilen viele Menschen: Beobachter sein, mitfiebern, den Kampf mit dem Bösen kann ich mir selbst erstmal nur ansehen und bin nicht mitten drin, Neugier wie das Böse entsteht und wie andere damit umgehen, am Ende des Krimis mag ich es, wenn das Gute siegt oder jedenfalls ist die Welt wieder ein bisschen mehr in Ordnung ist.


Deshalb nochmal Respekt und Dank an Herrn Borreck, dass er diese Arbeit, von der ich immer nur lese oder im Fernsehen etwas sehe, auch in echt macht.


Aus seinen Erzählungen haben wir gehört: Es gibt die Bösen, und die böse Tat.

Das grausame Verbrechen, die bösen Banker und Finanzjongleure, die die Welt in eine Krise stürzen, die Despoten und Diktatoren, die Gewalt mit Gewalt beantworten und sogar Kriege vom Zaun brechen.


Da kann ich natürlich sagen: So bin ich nicht. Aber so einfach ist es nicht mit dem Bösen. Viel spannender und wohl auch viel realistischer ist ja die Frage, ob denn das Böse nicht auch sehr wohl auch etwas mit mir zu tun hat.


Hannah Arendt, die Philosophin, die sich mit dem Bösen beschäftigt hat, hat den Begriff von der „Banalität des Bösen“ geprägt, weil sie gesagt hat: Das Böse beginnt eigentlich immer mit der Gleichgültigkeit und der Gedankenlosigkeit konkreter Menschen.


So beginnt eben auch das große Böse im Kleinen und Konkreten.

Es beginnt mit dem unbedachten Wort, das mir rausrutscht, mit dem bisschen Schummeln, Tricksen und auf den eigenen Vorteil bedacht sein, das ich mir zugestehe. Das grausame Verbrechen beginnt mit dem, was der Täter vorher von und mit anderen Menschen erlebt oder auch erlitten hat. Die Finanzkrise beginnt damit, dass kleine und große Sparer immer noch ein Zehntel-Prozent mehr Zinsen haben wollen. Das Leid von Kleinbauern in Südamerika oder von Kinderarbeitern in einer Textilfabrik in Bangladesh hat auch etwas damit zu tun, dass ich hier gedankenlos und gleichgültig meinen billigen Kaffee oder mein billig T-Shirt kaufen will und mich nicht frage, wer eigentlich den Preis dafür bezahlt.


So sind wir immer mittendrin im Kampf von Gut und Böse. Jeder von uns!


Und der erste Schritt bei der Frage danach, wie wir mit dem Bösen umgehen sollen, ist wohl die Erkenntnis: Das Böse hat auch mit mir etwas zu tun, es ist auch in mir. Unsere Welt hat ein Problem, und das ist nicht nur das große Böse da draußen, sondern auch das kleine Böse in mir.


Wenn wir uns dessen bewusst werden, dann gibt es aber auch eine gute Nachricht, und die ist: Wir können etwas dagegen tun. Wir können anfangen, aufzuhören mit der Gedankenlosigkeit. Und das wird etwas bewirken! Wir alle können etwas dazu tun, dass viele kleine Leute mit vielen kleinen Schritten das Gesicht dieser Welt verändern. Und dafür gibt es viele ermutigende Beispiele.


Ich wünschte mir, dass ich bloß im Alltag etwas öfter daran denken könnte. Ich habe von einer schönen Idee gelesen, die Empfehlung: Nimm eine Murmel mit, stecke sie in deine linke Hosentasche. Dort entdeckst Du sie immer wieder den Tag über, und sie erinnert sich daran, dass Du anfangen wolltest, aufzuhören mit der Gedankenlosigkeit. Und wenn es dir dann an diesem Tag gelungen ist, einmal erst nachzudenken, bevor du etwas Unbedachtes sagst, dann steckst du dir Murmel von den linken in die rechte Tasche. Und am Ende des Tages erinnert die Murmel in deiner rechten Tasche an deinen Erfolg, den ersten Schritt im Kampf gegen das Böse.


Und natürlich kannst Du am nächsten Tag auch drei Murmeln mitnehmen und in deine Tasche stecken. Das unbedachte Wort verhindert – eine Murmel, beim Einkaufen den fair gehandelten Kaffee gekauft – die zweite Murmel. Beim Shoppen von Kleidung einmal erst den Verkäufer gefragt, woher eigentlich die Baumwolle des T-Shirts kommt – die dritte Murmel.


Ich finde das eine klasse Idee, sich an das Gute zu erinnern, das wir alle tun können, und es dann auch wirklich zu tun. Ich würde vielleicht dahin kommen, dass ich mir nach ein paar Tagen schon 10 Murmeln in die Tasche stecken könnte, es gibt so viele kleine Entscheidungen und Gesten den ganzen Tag über, mit denen man etwas gegen das Böse tun kann, und irgendwann würde ich mir vielleicht auch 20 oder 30 Murmeln einstecken können... aber nein, das wäre dann doch des Guten zu viel – denn 30 Murmeln in der Hosentasche, das sieht einfach scheiße aus.


Aber eine andere Ahnung beschleicht mich. Da können wir so viele Murmeln mitnehmen wie wir wollen. Wenn wir ehrlich sind: Es ist und bleibt so: wir kommen aus diesem ewigen Kampf zwischen gut und böse nicht heraus. Der begleitet uns von Anfang an und immer. Der gehört zu uns. Seit es Menschen gibt, ist das wohl so, dass es diesen Kampf gibt.


Und weil das Böse scheinbar eine solche Macht hat, weil es manchmal so eine unheimliche Eigendynamik entwickelt, und weil Böse sich auch so gut verstellen kann und uns unter dem Deckmantel, doch nur das Beste zu wollen, verführt – darum liegt es so nah, dem Bösen einen Namen und eine Gestalt zu geben: der Teufel, Satan. Der große Gegenspieler Gottes, des guten Gottes.


Eigentlich aber spielt sich dieser Kampf in uns Menschen ab.

So jedenfalls erzählt es auch die Bibel in, wie ich finde, faszinierender Weise gleich auf den ersten Seiten. Wie ist das eigentlich mit dem Bösen und wie kommt es in die Welt? Das ist die Frage, die die Bibel gleich im dritten Kapitel stellt, kaum dass die Welt erschaffen ist.


Sie erinnern sich: Die Geschichte von Adam und Eva und dem Apfel. Das erste, was in dieser Geschichte auffällt: Der Mensch ist das einzige Geschöpf Gottes, das ein Verbot mit auf den Weg bekommt. Er soll nicht von einem bestimmten Baum die Früchte essen, vom „Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“, wie es da heißt. Und „Erkenntnis“ meint im hebräischen im Alten Testament nicht ein theoretisches Wissen, sondern vielmehr ein ganz praktisches Kennenlernen, ein aus-eigenem-Erleben-kennen, Erfahrenhaben. Also: „Wenn du von diesem Baum isst, dann wirst du an Leib und Seele erfahren, was es mit Gut und Böse auf sich hat“.


Mit diesem Gedanken erzählt der biblische Erzähler, was uns Menschen so besonders macht und uns von allen anderen Geschöpfen unterscheidet: Wir Menschen sind die Lebewesen, die um sich selbst wissen. Uns ist unser Dasein nicht nur einfach so gegeben. Sondern es ist uns so gegeben, dass es gelingen oder scheitern kann. Wir sind frei. Wir haben die Wahl, was wir tun oder lassen, damit wir ein gelungenes, erfülltes Leben führen. Mit meinem Versuch, ein erfülltes, gelungenes Leben zu führen, kann ich scheitern. In dem Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, ist das Wissen enthalten, dass es für uns Menschen diese beiden Möglichkeiten gibt: Gelingen oder Scheitern. Und die Angst, im Leben zu scheitern, gehört sozusagen zur Kreatur Mensch von Anfang an dazu. Was machen wir mit dieser Angst?


Da kommt die Schlange mit ihren Einflüsterungen. Dass die Schlange eine Verkörperung des Teufels ist, ist Quatsch. Die Bibel denkt in dieser Erzählung nicht daran. Die Schlange ist ein Bild, um den Kampf, die Gedanken, die sich im Menschen abspielen, nach außen zu verlagern und darstellen zu können.


Die Schlange sagt: Hat Gott das mit dem Baum wirklich gesagt? Glaubt ihm nicht. Es stimmt nicht. Probiere es aus. Du hast doch die Freiheit.


Was geschieht da? Da ist die Angst des Menschen, von Grund auf scheitern zu können. Die Schlange verschiebt diese Angst weg vom Menschen auf Gott. Sie vergiftet die Angst durch das Misstrauen: Glaub Gott nicht! Du bist frei. Du bist stark. Probiere es aus. Du wirst es alleine schaffen, ein gelingendes Leben zu führen. Gott will dich nur klein halten.


Und so, mit dem Menschen, der frei ist und stark sein will, der misstrauisch ist gegenüber einem Gott, der scheinbar seine Freiheit einschränkt, so nimmt das Böse seinen Lauf. Und was die Bibel dann in Kapitel 3 bis 7 erzählt ist die Geschichte von einer anschwellenden Flut von Bosheit: Kain und Abel, einer der seinen Bruder aus Neid und Missgunst erschlägt, der Turmbau zu Babel, der Traum von der Größe des Menschen – bis es schließlich in der Sintflutgeschichte von der Arche Noah heißt: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1.Mose 8,21)


So realistisch und tiefsinnig erzählt die Bibel von dem Kampf, in dem wir Menschen uns immer wiederfinden, dem Kampf zwischen Gut und Böse.


Aber die Bibel erzählt auch, was wir tun können in diesem Kampf. Ja, es gibt die Gebote und Regeln, die Gott aufstellt, und die das Böse eindämmen sollen. Aber wir haben ja gemerkt: Das mit den Murmeln ist so eine Sache. Jeder kleine Schritt ist wichtig, jede kleine gute Tat, und trotzdem werden wir das Grundübel nicht los. Da sind auch die Christen oft genug nicht die besseren Menschen.


Nein, die Bibel erzählt jenseits all der Gebote und Regeln, dass das Gute aus einer ganz anderen Kraft wächst: Das Gute wächst aus der Liebe. Dass da einer ist, der mich lieb hat, das macht mich gut und schön. Dass da einer ist, der für mich sorgen will, das besänftigt meine Angst vor dem Scheitern. Dass einer ist, der an mir festhält, auch wenn ich immer wieder schwach werde – das macht mich stark.


Dass da Gott ist, der seine Menschen liebt, davon erzählt die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite. Und dass er nicht von unserer Seite weicht, sondern an mir und dir festhält, das erzählt sie. Zum Beispiel in der Sintflutgeschichte. Da steht, ja, des Menschen Trachten ist böse, aber im selben Atemzug sagt Gott: Ich will nicht die Erde verfluchen, um des bösen Menschen willen. Ich will nicht schlagen alles, was lebt. Im Gegenteil, ich will dieser Welt und diesen Menschen zugewandt bleiben, ich halte die Liebe durch, sagt Gott: Es soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.


Und auch die Geschichte Jesu erzählt, wie Gott die Liebe durchhält. Selbst als die Bosheit bodenlos wird und sie den Unschuldigen ans Kreuz schreien, hält er die Liebe durch. So wirbt Gott, ein liebender Gott, dass wir seiner Liebe vertrauen. Allein darum dreht sich der Glaube: Vertraust Du nur dir selbst, oder vertraust Du dem der dich liebt, von Anfang an? Die Liebe, und nicht die Angst, ist es, die dich motiviert, die vielen kleinen Schritte zu gehen, die dieser Welt ein anderes Gesicht geben. Die Liebe ist es, die dich dazu verführt, auch etwas verrücktes zu tun. Lass doch die anderen schmunzeln, wenn du mit 30 Murmeln in der Tasche herumläufst.


Auf der Seite des Guten stehst Du, und zwar nur deshalb, weil Gott sich auf deine Seite stellt.

Danke fürs Zuhören.

(Pastor Lutz Tietje)

 

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