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Predigt beim Go!Special "Kaum zu glauben - Wunder gibt es immer wieder?" am 20. Juli 2014

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort)


Liebe Go!Special-Freunde,

 

wenn ich heute hier über Wunder spreche, dann muss ich zuerst von Oskar erzählen. Oskar habe ich kennengelernt in dem Buch von Eric-Emmanuel Schmitt „Oskar und die Dame in Rosa“. Oskar ist 10 Jahr alt, und er kann wirklich ein Wunder gebrauchen. Denn er ist sehr krank, er hat Krebs, und er weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Obwohl Oskar gar nicht an Gott glaubt, beginnt er doch, Gott Briefe zu schreiben, weil er hofft, Gott könne ihm „zwei oder drei Gefallen tun“, wie er sagt.


So berichtet er Gott wie in einer Art Tagebuch von seinem Alltag in der Klinik. Er erzählt von der Idee, dass jeder Tag, den er noch am Leben ist, so viel zählt wie 10 Jahre Leben. Er erzählt von seinen Freunden, von Oma Rosa, die ihn besucht, und von den anderen jungen Patienten, die Spitznamen tragen wie Peggy Blue, Bacon, Einstein oder Popcorn. Und vor allem wünscht sich Oskar ein Wunder. Eigentlich nicht nur ein Wunder, sondern das allergrößte Wunder, das man sich vorstellen kann: Oskar wünscht sich, dass Gott selbst ihn noch einmal besuchen kommt, bevor er sterben muss.


Natürlich habe ich mich die ganze Zeit, während des Lesens dieses Buches gefragt, ob und wie Gott wohl dieses Wunder wahr werden lässt. Aber zugleich frage ich mich auch, wovon reden wir eigentlich, wenn wir von „Wunder“ reden? Ist ein „Wunder“ nur dieses einmalige Ereignis, dass alle Naturgesetze und Regeln dieser Welt außer Kraft setzt? Oder gibt es auch „alltäglichere“ Wunder? Trauen wir uns überhaupt noch, von Wundern zu sprechen, weil doch letztlich alles erklärbar ist oder sein muss?


Ich möchte Euch und Ihnen sagen, was ich unter einem Wunder verstehe, und ich möchte Euch auch sagen, woher ich meine Antwort nehme: Aus der Bibel. Wie redet eigentlich die Bibel, also das Buch, in dem so viel von wundersamen Ereignissen die Rede ist, von Wundern?


Die erste Antwort gibt das Alte Testament, ein Buch voller Geschichten über wunderbare Geschehnisse. Das Interessante aber ist, dass im Alten Testament gerade eine Unterscheidung nicht gemacht wird, die wir normalerweise machen, wenn wir von Wundern reden. Von einem Wunder reden die Autoren des Alten Testamentes nicht nur dann, wenn irgendein Naturgesetz druchbrochen wurde oder etwas ganz und gar Unwahrscheinliches passiert.


Die Bedeutung des hebräischen Wortes für Wunder ist viel einfacher, viel elementarer. Es bezeichnet ein Geschehen, über das man sich wundert, über das man ins Staunen gerät. Ein Wunder ist also für den Menschen des Alten Testamentes ein wunderbares, erstaunliches Geschehnis, das ihm die Macht Gottes zeigt und ihn dazu treibt, Gott anzubeten. Was wird da nicht alles als Wunder bezeichnet: Die Schönheit der Schöpfung, die Befreiung des Volkes Israel, die Weisheit der Gebote Gottes oder auch der Mensch. So betet zum Beispiel einer im Psalm 139: „Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele” (Vers 14).


Dieses alttestamentliche Verständnis von Wunder finde ich sehr spannend, und auch entspannend. Denn ich muss mir nicht in jeder Situation überlegen, ob da jetzt irgendwelche Naturgesetze durchbrochen wurden oder nicht. Die Welt mit staunenden Augen sehen, heißt eine Welt voller Wunder sehen. Wir kennen das alle. Wenn ich eine Geburtsanzeige bekomme, auf der die Eltern des Neugeborenen schreiben, wie dankbar sie für dieses „Wunder“ sind, dann weiß ich doch, dann wissen wir alle doch sofort, was gemeint ist. Dann komme ich doch nicht auf die Idee, die Eltern anzurufen und zu fragen: „Hey, wieso ein Wunder? Ist bei der Geburt irgendwas nicht normal gelaufen?” Nein, es war eine ganz natürliche Geburt. Alles mit rechten Dingen zugegangen. Und doch, wenn man sich das Foto so anschaute oder gar das Kind live im Arm hatte, das war ein Wunder!


Gott wirkt Wunder, sagt das Alte Testament, und zwar in in 99% der Fälle innerhalb unserer natürlichen Ordnungen und Gesetzmäßgkeiten – und doch ist es etwas Außerordentliches. So kann ich auf den Sonnenaufgang sehen. So kann ich morgens um 5 Uhr das Lied der Amsel hören. So kann ich den Menschen sehen, der mich liebt. Ein Wunder.


Das mag sich naiv anhören, aber ich glaube, es ist eine Fähigkeit, auf diese Welt zu blicken, die wir nicht verlieren sollten. Wenn wir alles nur rational, nüchtern, analytisch, kritisch betrachten, dann machen wir aus der Welt und aus dem Leben ein totes Ding, das man allenfalls noch wie ein Werkzeug gebrauchen kann.


Wenn wir heute hier stehen und uns ein Wunder wünschen, dann würden die Frommen aus dem Alten Testament uns empfehlen: Bitte nicht um ein Wunder, sondern bitte um die Augen, die Wunder zu sehen, die Gott jeden Tag tut. Oder wie es Katja Ebstein gesungen hat: „Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie gescheh‘n. Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.“


Die zweite Antwort, was ein Wunder ist, habe ich im Neuen Testament in der Bibel gefunden. Im Neuen Testament wird ja bei den Wundererzählungen fast noch eine „Schippe drauf gelegt“. Jesus nimmt 5 Brote und 2 Fische und macht 5000 Leute damit satt. Jesus verwandelt 6 Hektoliter Wasser zu Wein. Jesus heilt Kranke, erweckt Tote zum Leben, er stillt einen Sturm, er läuft übers Wasser.


Und das erstaunliche ist: Das Wort „Wunder“ kommt im Neuen Testament so gut wie überhaupt nicht vor. Das Neue Testament sagt zu all diesen Dingen wundersamen Ereignissen nicht “Wunder”, sondern „Zeichen“.


Das ist ein wichtiger Unterschied. “Zeichen” sind Ereignisse, die auf etwas zeigen. Zeichen weisen nicht auf sich selber, sondern auf etwas anderes hin. Zeichen sind in sich selbst völlig uninteressant. Ein Beispiel: Wir hätten vor diesem Go!Special überall in der Stadt, Wegweiser, also Zeichen aufstellen können, auf denen zu lesen steht: „Hier geht’s zum Go!Special in der St.-Paulus-Kirche“. Und dann hätten Sie auf dem Weg hierher natürlich an den Wegweisern stehen bleiben und sie eingehend betrachten können. Vielleicht hätten sie einige interessante Entdeckungen gemacht. Sie hätten vielleicht gesehen, dass der der Pfeil tatsächlich genau in die Himmelsrichtung zeigt, in die die St.-Paulus-Kirche liegt. Sie hätten auch eine Doktorarbeit darüber schreiben können, ob denn nach der neuen Rechtschreibung zwischen „St.“ und „Paulus“ tatsächlich ein Bindestrich stehen muss.


Aber wenn Sie bei diesem Wegweiser, diesem Zeichen stehen geblieben wären, wäre eines, das Entscheidende eben nicht passiert: Sie wären nicht hier. Und damit hätte der Wegweiser seine eigentliche Funktion verfehlt. Statt über sich hinauszuweisen, statt Sie auf den Weg zu schicken zu uns, würde er alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen – und das ist nun einmal nicht sein Job.


Es ist von ganz entscheidender Bedeutung, dass das Neue Testament von “Zeichen” redet, wo wir gerne “Wunder” sagen. Denn das Neue Testament sagt damit: “Hey Leute, haltet euch nicht so lange bei dem Mirakel auf, sondern guckt, worauf es zeigt.”


Wunder haben keine Botschaft. Sie sind einfach faszinierend, sie reißen einem vom Stuhl, man ist völlig außer sich, aber eine Botschaft haben sie nicht. Wenn einer über Wasser läuft, dann ist das ein Wunder. Es ist faszinierend, aber es hat in sich keine Botschaft. Wenn dieser Mensch aber sagt: “Leute, mit Gottes Hilfe werdet ihr auf keinen Wegen in dieser Welt oder in eurem Leben untergehen.“ und läuft dann über das Wasser, dann bestätigt die Tat das, was er vorher gesagt hat, dann wird das Wunder zum Zeichen. Dann staunt das gemeine Volk und ruft “Ein Wunder, ein Wunder”, aber der Gläubige sagt: “Es ist nicht zu fassen: Mit der Kraft des Glaubens gehe ich in dieser Welt nicht unter.“


Wenn ich vom Wunder rede, ist das Ereignis entscheidend; wenn ich hingegen vom Zeichen rede, ist die Botschaft entscheidend. Das Zeichen bestätigt und bekräftigt die Botschaft, kann dann aber auch wieder hinter die Botschaft zurücktreten. Die Botschaft lebt auch unabhängig von den Zeichen. Und wenn Sie diese Botschaft, dass Gott etwas mit Ihrem Leben zu tun hat und Sie eine Beziehung zu ihm haben können, kapiert haben und glauben und in ihr Leben integriert haben, brauchen Sie theoretisch kein Zeichen. Theoretisch. Praktisch muss ich sagen: Ich bin froh, dass ich in meinem Leben immer wieder solche Zeichen erlebt habe. Kleine Zeichen, manchmal auch große. Dass es nicht nur Worte sind, an denen mein Glaube sich festmachen muss, sondern dass es vielerlei Hinweise und Zeichen gibt, dass Jesus eben mehr hat als Worte.


Und so hat auch Oskar sein Wunder erlebt. Es ist tatsächlich wahr geworden: Gott hat Oskar besucht, noch bevor er sterben musste. Und wie das geschehen ist, das erzählt Oskar am besten selbst:


„Lieber Gott, vielen Dank, dass Du gekommen bist. Du hast den richtigen Augenblick erwischt, denn es ging mir gar nicht gut. Vielleicht warst Du ja auch noch eingeschnappt wegen meinem Brief von gestern...


Heute beim Aufwachen ist mir klar geworden, dass ich nun neunzig bin, und ich habe den Kopf zum Fenster gedreht, um den Schnee zu sehen. Und da habe ich geahnt, dass Du kommen würdest. Es war früh am Morgen. Ich war ganz allein auf der Welt. Es war so früh, dass die Vögel noch geschlafen haben, dass sogar die Nachtschwester, Madame Ducru, eingenickt war – und Du hast versucht, die Morgendämmerung zu fabrizieren.


Es ist Dir schwergefallen, aber Du hast Dich ins Zeug gelegt. Der Himmel wurde fahl. Du hast die Luft ganz weiß gepustet, dann grau, dann blau, Du hast die Nacht vertrieben und die Welt zum Leben erweckt. Du hast nicht aufgegeben.


Da habe ich den Unterschied zwischen Dir und uns verstanden: Du bist ein fleißiger Junge, der nie müde wird! Immer bei der Arbeit. Und da ist der Tag! Und da ist die Nacht! Und da ist der Frühling! Und da ist der Winter! Und da ist Peggy Blue! Und da ist Oskar! Und da ist Oma Rosa! Was für eine Kraft!


Ich habe gespürt, dass Du da warst. Dass Du mir Dein Geheimnis verraten hast: Schau jeden Tag auf diese Welt, als wäre es das erste Mal.


Also habe ich Deinen Rat befolgt und mich mächtig angestrengt. Zur ersten Mal. Ich habe auf das Licht geschaut, die Farben, die Bäume, die Vögel, die Tiere. Ich habe gespürt, wie die Luft durch meine Nase strömt und wie sie mich atmen lässt. Ich habe Stimmen auf dem Korridor gehört, die wie im Gewölbe einer Kathedrale hoch nach oben steigen. Ich habe gespürt, wie ich lebe. Ich bebte vor reiner Freude. Vor Glück, dazusein. Ich war überwältigt.


Ich danke Dir, lieber Gott, dass Du das für mich getan hast. Ich hatte das Gefühl, dass Du mich an die Hand genommen und mich mitten in das Herz des Geheimnisses geführt hast, um das Geheimnis anzuschauen. Danke.

Bis morgen, Küsschen,

Oskar.“*


Danke für's Zuhören.


(* Das Zitat steht auf den Seiten 98-100 im Buch: Eric-Emmanuel Schmitt, Oskar und die Dame in Rosa, Zürich, 2003)

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