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Predigt zum Go!Special am 16. November 2014: "Krieg! Gibt's nur dahinten! Was hat das mit mir zu tun?"

 

Bald geht das Jahr 2014 zu Ende. Ich weiß noch, wie es anfing. Im Januar waren auf allen Fernsehkanälen und in den Zeitungen Berichte zu einem besonderen Anlass zu sehen. 2014: das bedeutet: vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg. Viele von uns haben die Berichte mit Kopfschütteln wahrgenommen. Wie ein ganzer Kontinent schlafwandlerisch in den Krieg ging; wie zum ersten Mal im großen Stil Massenvernichtungswaffen eingesetzt worden sind; wie eine internationale Kaste von Monarchen (die alle miteinander verwandt waren) noch 1913 in Berlin eine Hochzeit feiern konnten, um sich danach zu bekriegen; wie Priester und Pastoren der Kirchen Soldaten und Waffen segneten: im Namen des gemeinsamen Gottes, an den auch die Feinde glaubten. Es ist unfassbar. 100 Jahre liegt der Kriegsausbruch zurück. Und was haben die Menschen seither gelernt? Nichts, absolut nichts!


Die Zahl der Berichte über Kriege und Kriegsgräuel reißt bis in die letzten Tage nicht ab. Syrien und Ukraine. Ich gebe zu: manchmal kann und manchmal will ich mir diese Berichte nicht mehr antun. Ich blättere über sie hinweg oder zappe mit der Fernbedienung weiter. Wenn Sie mich fragen, warum ich das tue? In diesen Momenten fühle ich meine eigene Ohnmacht. Ich bin ohne Macht, ohnmächtig, ich kann nichts tun, als wäre ich gar nicht da. Ich möchte nicht ohnmächtig sein, aber hier wird mir kein anderes Gefühl ermöglicht. Für diese Predigt habe ich noch einmal darüber nachgedacht. Für mich habe ich tatsächlich drei Wege gefunden, die mich aus diesem Gefühl der Hilflosigkeit führen. Es sind meine Wege und meine Entscheidungen. Sie müssen die nicht unbedingt übernehmen. Aber vielleicht sind es für Sie Anregungen, selbst weiter zu denken.


Da ist für mich der politische Weg. Vielleicht wunderen Sie sich jetzt. Politik und Religion werden ja in unserem Land schiedlich-friedlich getrennt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Und doch bin ich als religiöser Mensch auch ein politischer. In bin Christ in Deutschland. Und Deutschland wird regiert von Politikern. Diese sind nicht vom Himmel gefallen, sondern gewählt. Auch von mir! Und Politiker sind jedem Bürger (auch mir und jedem von Ihnen hier) rechenschaftspflichtig. So wie Sie jeden Pastoren anrufen können, können Sie das auch mit Ihrem Abgeordneten in Berlin tun. Mailen Sie, simsen Sie, schreiben Sie. Ich streite mich z.B. seit langem mit einem Berliner Minister. Das ist ihm bestimmt lästig, aber ich lasse ihn nicht. Fragen Sie z.B. einmal Ihren Abgeordneten, wie er zur deutschen Waffenlobby steht. Und ob er meint, Waffen seien ja eigentlich schlimm, aber doch gut für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen (was gelogen ist). Politik in der Demokratie heißt: sich einmischen. Mischen wir uns ein.


Da ist der diakonische Weg für ein menschliches, soziales Miteinander. Krieg gibt es auch in Buxtehude, nicht nur „dahinten“. Die Kriege der Opfer kommen in unsere Hansestadt: als Flüchtlinge. Oft nur mit dem, was sie am Leibe tragen. In einer fremden, oft als feindlich empfundenen Umgebung müssen sie sich mit ihren Kindern zurechtfinden. Ich weiß, wie das ist. Ich habe das oft genug gehört. Denn ich bin ein Flüchtlingskind! Mein Vater ist als kleiner Junge mit der Familie aus Danzig vor den Russen geflüchtet. Sie kamen nach Schleswig-Holstein und wurde wie der letzte Dreck aufgenommen. Auf den Feldern durften sie lediglich die Kartoffeln nachstoppeln und nur die angefaulten behalten. Aus Kartoffelsäcken schneiderte meine Oma Hosen und Jacken: mit diesem Aufzug wurden sie in der Schule verspottet – von deutschen Volksgenossen. Wie geht es da den Flüchtlingen heute? Ich freue mich, dass die Stadt Buxtehude eine Willkommens-Kultur aufbaut. Auch unsere Kirchengemeinde ist dabei. Hilfe und Nächstenliebe ist ganz praktisch umsetzbar. Mit Jacken und Decken für die DRK-Kleiderkammer. Vor allem aber mit Freundlichkeit. Wenn Sie Flüchtlinge sehen, die bei der Post oder bei Aldi nicht klarkommen: gehen Sie einfach hin und versuchen sie, lächelnd weiterzuhelfen. Ganz direkt, von Mensch zu Mensch.


Und ich habe einen dritten Weg gefunden. Er ist schwierig zu beschreiben. Ich nenne ihn „spirituelle Selbstvergewisserung“. Was ist damit gemeint? Als Mensch habe ich ein Bild von mir. Was bin ich wert? Diesen Wert messen viele nach der ökonomischen Methode. Ein Mensch ist das, was er für sich und die Gesellschaft leistet. Als Kind lernt man Fähigkeiten, die man dann als Erwachsener in Beruf und Konsum ausleben kann. Wir produzieren und konsumieren. Das ist der Höhepunkt im Leben. Dann kommt das Alter und dann geht es mit dem Wert bergab. Alte Menschen produzieren nichts mehr; mit Krankheiten oder Behinderungen kosten sie auch noch Geld. Und demente Menschen haben dann gar keinen Wert mehr. Als Christ habe ich eine andere Selbstvergewisserung. Für einen Christen hat jeder Mensch den gleichen Wert: ob jung oder alt, gesund oder krank oder dement. Der Gegenwert zum menschlichen Wert liegt nicht in Ford Knox, sondern in Gott und seiner Liebe für jeden. Daran ist nichts zu deuteln. Die Bibel ist absolut eindeutig. Weil Gott mich liebt, habe ich eine unsichtbare Würde, die mir keiner nehmen kann. Und wenn ich sie habe, dann hat sie auch jeder andere Menschen, auch derjenige, der mir fremd ist oder den ich nicht mag.


Das Jahr 2014 geht zu Ende. 2015 steht vor der Tür. Es wird nicht einfacher werden. Doch wenn sich etwas in der Welt verändern soll, dann kann das durch uns Christen geschehen, die wir den Glauben an Gottes Liebe nicht fallen lassen, sondern ihn leben und weitersagen.


Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

(Pastor Matthias Schlicht)

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