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Die Predigt beim Go!Special am 22.03.2015: "Tat das not? - Das Kreuz mit dem Kreuz"

Pastor Lutz Tietje

 

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort)

 

Liebe Go!Special-Freunde,

es war ein Frühlingsmorgen, wie wir ihn in den vergangenen Tage schon einige Male hatten, als bei mir das Telefon klingelte. Das Krankenhaus war dran. Die Krankenschwester bat mich, zu einer Frau zu kommen, die im Sterben liege. Also machte ich mich auf den Weg, und fand die Frau in ihrem Bett liegend, 55 Jahre alt, schon kaum noch ansprechbar. Eine lange Krankheitsgeschichte hatte sie schon hinter sich. Und bei ihr war ihr Ehemann, dem ich ansehen konnte, wie sehr ihn die Begleitung seiner Frau in den letzten Tagen alle Kraft gekostet hatte. Ich zündete eine Kerze an, stellte ein kleines Kreuz auf den Nachttisch. Ich sprach ein Gebet, wir beteten gemeinsam das Vaterunser und dann segnete ich die Frau und zeichnete ihr dabei ein Kreuz auf die Stirn.


Später saß ich noch lange mit dem Ehemann am Bett, und er erzählte mir, wie wichtig ihm seine Frau sei, dass er sie gar nicht gehen lassen will, und deshalb in den seit mehreren Tagen und Nächten ununterbrochen an ihrem Bett sitzen würde. „Gerade jetzt“, sagte er, „wo es so schlecht um sie steht, kann ich sie doch nicht allein lassen. Gerade jetzt muss sie doch spüren, dass ich für sie da bin.“ Und er erzählte weiter, dass sie seit über 30 Jahren zusammen seien, dass sie durch Höhen und Tiefen gegangen sind, dass sie es auch gegenseitig sich selbst nicht immer einfach gemacht haben. „Ich habe nicht alles richtig gemacht, und sie wohl auch nicht. Aber jetzt ist das doch nicht wichtig, Jetzt ist es wichtig, dass sie spürt, das sie Mensch ist, der mir am meisten bedeutet.“


Ich war beeindruckt von der Liebe dieses Mannes, die ihn zu so einer Hingabe und Selbstaufopferung führte – jetzt auf den letzten gemeinsamen Wegen mit seiner Frau. Und ich war zugleich beklommen, weil ich wusste – der Ehemann wusste es ja eigentlich auch – dass alle Hingabe und Selbstaufopferung seine Frau nicht retten werden vor dem Tod. Er würde sie gehen lassen müssen, früher oder später.


Eine Geschichte vom Kreuz. Und es ist ein Kreuz mit dem Kreuz, weil es uns an die schweren und dunklen Momente voller Leiden in unserem Leben erinnert. Wer will schon gerne daran denken und davon erzählen? Und es ist ein Kreuz insbesondere mit diesem Kreuz, das hier bei uns in der Kirche hängt, weil an diesem Kreuz ja nicht irgendwer gelitten hat und gestorben ist, sondern Jesus. Der, den sie den Christus nannten. Dieser Jesus, der so vielen Menschen die Liebe und die Hoffnung zurück ins Herz gegeben hat, dieser Jesus, von dem so viele das Gefühl hatten: in ihm begegnen wir Gott persönlich – der stirbt so erbärmlich wie wir. Gott mit ihm, Gott in ihm, und doch bleibt ihm nicht anderes als unsereinem, wenn es ans Sterben kommt. Er schreit - wie so viele, die ähnlich krepieren.


Gerade das ist die Botschaft. Er schreit. Nicht Donner und Blitz, mit dem er dazwischen haut und den Spuk beendet. Er schreit, er ist ganz und gar auf der Seite der Leidenden. Er schreit den Schrei der Enttäuschten, denen das Ende einer Beziehung im Herzen rumort. Er schreit den Schrei der Geschundenen und Unterdrückten. Er schreit den Schrei nach Liebe und Achtung, die Sehnsucht unseres Herzens. So kommt Gott auf meine Seite.


Der Ehemann hatte seine Liebe dort an diesem Bett so gelebt: „Gerade jetzt, im schlimmsten Augenblick, muss ich doch bei meiner Frau sein.“

Es ist Gottes Liebe zu uns, dass er Mensch wird bis in die letzte Konsequenz, das er auf unsere Seite kommt, nicht nur auf die Sonnenseiten des Lebens, sondern auch in den dunkelsten Moment, damit wir wissen: Es gibt keinen gottverlassenen Ort und keinen gottverlassenen Menschen auf dieser Welt.


Die Geschichte von Jesus am Kreuz ist erzählt gegen das Gerede davon, dass man in dieser Welt ein schönes Gesicht haben muss, eine gute Figur, dass man stark sein und es zu etwas bringen muss. Nein, am Kreuz erleben wir Gottes Sicht der Dinge, und die heißt: Alle, die mit hässlichen Gesichtern geboren werden, mit verkrüppelten Armen und Beinen, mit einem geschädigten Gehirn, mit verwundbaren Nerven, alle in der Welt Geprügelten und Verprügelten, alle, die von Natur aus oder durch eigene Schuld schwach sind und deswegen verachtet, alle, die sich mit ihrer Last allein gelassen fühlen – sie alle gehören zu Gott. Vom Kreuz zu erzählen, heißt ihnen zu sagen: Gott ist bei dir, ausgerechnet bei dir.


Das gibt mir Kraft und Trost, wenn morgen wieder mein Telefon klingelt und ich an ein Sterbebett gerufen werde. Oder wenn ich als Notfallseelsorger zu einem Unfallort gerufen werde, wo eine 14-Jährige tot im Graben liegt. Dann glaube ich, dass, bevor ich dort hinkomme, einer schon da ist, Gott selbst, der ihr noch ein letztes Mal die Hand unter den Kopf gelegt hat.


Aber noch etwas zweites erzählt das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist nicht nur ein Spiegel für das Leiden, das wir in dieser Welt kennen, sondern auch ein Spiegel für die Bosheit, die es gibt: Für die Selbstsicherheit, die Härte des Herzens, die Gier nach eigener Stärke, mit der Menschen einander festnageln, verletzen oder bitter enttäuschen.


Am Kreuz wird auch unsere Geschichte als Täter erzählt. Da ist zum Beispiel Judas, der das Gute mit Gewalt durchsetzen will. Wie viele Kriege sind dadurch entstanden, dass Menschen der Meinung waren, das Gute mit Gewalt durchsetzen zu wollen? Da ist Petrus, der eine große Klappe hatte, und Jesus doch feige im Stich lässt, und zum Sinnbild wird für uns, die bei Schwierigkeiten klein beigeben, für uns, die das Gute wollen und es doch nicht hinbekommen. Oder da ist der römische Hauptmann, der daneben steht und sich rausredet: Ich konnte ja nicht anders. Ich war nur einer, der Befehle ausführt. Was geht mich die ganze Sache an? Wie viel Leid könnten wir auch heute verhindern, wenn wir nicht nur daneben stehen würden und sagen: Was geht mich das alles an?


Nun fragen wir unter dem Kreuz: Aber warum lässt Gott sich das gefallen? Wer wenn nicht Gott, der mit diesem Jesus ist, hätte die Möglichkeit gehabt, dem Bösen Einhalt zu gebieten und ordentlich dazwischen zu hauen?


Ja, wir Menschen sind es gewohnt, das Böse dadurch zu bekämpfen, das wir draufhauen, Armeen aufstellen, oder irgendwie aufrüsten – militärisch, moralisch oder auch anders. Wir hauen drauf, und hauen nicht nur auf das Böse, sondern auch auf den Menschen, der es tut – und beklagen die Opfer. Wir hauen auf das Böse drauf und verlieren den Menschen dahinter.


Das Kreuz erzählt, dass Gott anders damit umgeht. Am Kreuz überwindet Gott das Böse mit Bösem, nicht durchs Draufhauen, sondern durch Erdulden, Vergeben, Aushalten, Versöhnen. Mit einem Wort: durch Liebe. Durch eine Liebe, die sich hingibt. Gerade so lässt er seine Menschen nicht los. Fast so wie der Ehemann, den ich dort am Sterbebett seiner Frau erlebt haben, der sagte: „Jetzt sind nicht die Fehler wichtig, die sie gemacht hat, sondern dass sie spürt, was sie mir bedeutet.“


Ich glaube, so funktioniert Hingabe und Vergebung: Aus Liebe! Dass man sich von anderen etwas aufladen lässt, dass man sich aufopfert, dass man Fehler und Schuld erträgt, dass man durch alle Last und Quälerei die Hand reicht, die sagt: Ich verlasse dich nicht, ich bin für dich da, du gehörst zu mir.


Zur Geschichte vom Kreuz gehört auch, dass durch diese Haltung Gottes am Ende das Leben siegt. Deshalb feiern wir Ostern. Wenn ich mich unter das Kreuz stelle, dann bedeutet das für mich: Ich versuche zu begreifen und darauf zu vertrauen, dass alles Leben sich – dass auch ich selbst mich im Tiefsten der Liebe verdanke.


Danke für's Zuhören.


Pastor Lutz Tietje

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