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Predigt im Go!Special am 23.10.2016

Auf einmal gab er seinen Geist auf: unser alter Mercedes. Er wollte nicht mehr schneller fahren als 80 Stundenkilometer. Der Mechaniker guckte unter die Haube und sagte: Der Turbolader ist kaputt; ein Neuer wird zu teuer für den alten Wagen. Also: ein neues Auto muss her. Meine Frau und ich haben dann Autohäuser besucht. Die sehen ja aus wie der Kathedralen der Neuzeit: Stahl und Glas und Halogenlicht. Die Autos die in diesen heiligen Hallen stehen ähneln alle goldenen Kälbern; wunderschön poliert und beeindruckend teuer. Das sagten wir auch dem Verkäufer, der uns fragte, was wir denn gerne kaufen möchten. Doch die Teueren konnten wir uns nicht leisten. Als ging er mit uns auf den asphaltierten Hof zu den Gebrauchten; die waren auch noch ziemlich teuer. Also gingen wir noch weiter … auf die Grasfläche am Ende des Geländes. Dort fanden wir dann unseren neuen Alten: einen grauen Volvo V 50. Das Normalste vom Normalsten. Zum Unterzeichnen des Kaufvertrages saßen wir wieder in der schönen Halle. Und ein wenig mit Wehmut habe ich mir noch einmal die anderen Autos dort angeguckt.



Musikalischer Zwischenruf: O Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz.



In unserem Wohnzimmer steht unser Fernsehapparat. Ein kleiner, normaler. Für Tagesschau reicht er, ebenso für Barneby, Darts, Snooker oder meine Kochsendungen. Er ist nicht XXL, er ist auch nicht gebogen. Man kann damit nicht 3-D-Filme gucken und einen HDMI-Anschluss hat er auch nicht. Ich kann den Computer nicht damit verbinden und kann keine E-Mails beim Fernsehen beantworten. Er erinnert mich an den Fernseher meiner Kindheit in den 60er Jahren. Da hatten meine Eltern auch so ein einfaches Teil. Natürlich Schwarz-Weiß.



Musikalischer Zwischenruf: O Lord, won’t you buy me a coloured TV.



Nach den Sommerferien ist es in Buxtehude üblich: Sommerparties wohin man blickt. Auch wir werden eingeladen: bei Nachbarn, Leuten aus der Gemeinde, bei Lions-Freunden etc. Und worüber redet man beim Small-Talk. Klar, über die letzte Urlaubsfahrt. Kreuzfahrt mit der AIDA, mit dem Postschiff auf den Hurtigrouten, in Madeira in einem Traumhotel. „Und wo waren Sie, Herr Schlicht?“ „Husum!“ „Husum in Colorado?“ „Nein, Husum, nördlich von Tönning“. Und einem Mann rutscht der Satz raus: „Pastoren verdienen auch nicht so viel Geld, oder?“



Musikalischer Zwischenruf: O Lord, won’t you buy me a night on the town.



Einmal in der Woche gönnen meine Frau und ich uns etwas sehr spezielles: ein Bummel durch die Altstadt von Buxtehude. Mal sehen, was so in den Schaufenstern liegt. Am Ende landen wir dann gegen 17 Uhr im PRIMUS. Gäste sind noch nicht da, sodass wir mit Matthias und Silke (den Wirtsleuten) ein wenig Stadtklatsch austauschen können. Dazu ein Milchkaffee oder ein Glas Nautilus. Dann geht es zurück zum Auto, Parkplatz an der Hansestraße. Bei unserem Auto steht ein älteres Ehepaar und der Mann zeigt auf unseren Volvo und sagt zu seiner Frau: „Guck mal, das Auto sieht aus wie das von Inspector Columbo.“



Musikalischer Zwischenruf: O Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz.



Haben Sie auch schon mal solche Szenen erlebt. Das lebt man ganz normal vor sich hin und tut normale Dinge, aber andere halten das irgendwie für „durchschnittlich“. „Nur“ durchschnittlich. Fast schon peinlich. Es muss schon was besonderes sein. Oder? Warum denken wir so?



Einige sagen: das liegt an unserer Kultur. Kultur kann man immer gut am Bildungssystem erkennen. Also in der Schule. Und da werden wir benotet. Und eine „Eins“ ist nun mal besser als eine „Vier“. In der Grundschule bekommen nur die Besten eine Belohnung. 1972 war ich in der 4. Klasse. Wer bei unser Lehrerin Frau Kienert eine „Eins“ schrieb, bekam zur Belohnung eine Postkarte mit dem Bild eines Olympiasiegers. Einmal habe ich auch eine „Eins“ geschafft, ausgerechnet im Fach Religion. Auf meinem Belohnungsbild war Marc Spitz. Der hatte sieben Goldmedaillien im Schwimmen gewonnen. Überdurchschnittlich. Super.



Andere sagen: das liegt nicht an der Kultur, sondern in unserer Natur. Das liegt uns in den Genen, die wir mit den Tieren und den Pflanzen teilen. Denn das Grundgesetz der Biologie heißt: der Stärkere gewinnt. Er setzt sich durch. Ein starker Körper wird nicht so leicht krank. Ein Starker hält länger durch. Doch in der Natur gibt es auch noch ein zweites Gesetz: überleben kann der, der sich am besten angepasst hat. „Bloß nicht auffallen“ gilt auch in manchen gesellschaftlich-politischen Systemen. Immer schön anpassen. Dann kommt man einfacher durchs Leben.



Dann gibt es noch die Sichtweise des Glaubens. Jesus kennt da keine Kompromisse: der Durchschnitt kommt bei ihm nicht vor! Durchschnitt ist keine Kategorie des Glaubens. Gott liebt jeden Menschen; bedingungslos und verschwenderisch. Wir können uns die Liebe, das Licht und die Wärme Gottes nicht durch überdurchschnittliches Tun verdienen. Jesus erzählt dazu eine Geschichte. Ein Mann steht im Tempel von Jerusalem und prahlt vor Gott, was er alles leistet: alle Gebote halten, niemals sündigen, den Zehnten geben und freiwillig noch mehr. Supertyp, superfromm. Und hinten steht im Tempel ein armes Würstchen, ein Zöllner, der die Leute abzockt. Er schämt sich für sein Tun und kann nur sagen: „Gott sei mir gnädig“. Und Jesus sagt, das gerade dieser Zöllner in Gottes Augen ein Gerechter ist! Gottes Liebe gilt allen ohne Maßstabsanlegung.



Wenn der Durchschnitt im Glauben also nichts zu suchen hat, was ist denn dann ein Kriterium zum Leben? Es ist das Glücklich-Sein. Darin ist jeder sein eigener Experte. Für manchen Menschen – und das will ich nicht disqualifizieren – gehört zum Glück die AIDA, der neue Benz und ein Weinkeller voll Pomerol-Weinflaschen. Für andere gehört zum Glück ein alter VW Golf, Rotwein von ALDI mit etwas Käse und Baguette. Glücklich sein: das ist der Maßstab, den wir nur selbst für uns und unser Leben beachten können. Und im Licht der Liebe Gottes, brauchen wir niemals das Gefühl zu haben, unterdurchschnittlich beschenkt zu sein.


Vielen Dank für’s Zuhören.

(Pastor Matthias Schlicht)

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