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Die Predigt im Go!Special am 29. Januar 2017: "Monster, Mächte, Katastrophen - Leben mit der Angst"

Pastor Lutz Tietje bei der Predigt im Go!Special (Foto: Marion Knoop)

 

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort)

 

Liebe Go!Special-Freunde!

Die kleine Talkshow, die wir eben erlebt haben, war nicht nur nette Unterhaltung. Sie ist aktuell, wirklich aktuell. Das ist mir klar geworden, als ich vor einigen Tagen eine Studie über die „Angst der Deutschen“ entdeckt habe. Und das Ergebnis dieser repräsentativen Umfrage für das Jahr 2016 stand unter der Überschrift: „2016 war das Jahr der Angst“. Weil in keinem anderen Jahr, die Ängste so sehr gestiegen waren (im Vergleich zum Vorjahr) wie in diesem Jahr 2016. Die Top-Drei der Ängste der Deutschen habe ich nochmal mitgebracht:


Platz eins: 73 Prozent aller Deutschen sagen, sie haben sehr große Angst vor Terrorismus (21 Prozent mehr als im Vorjahr!). Platz zwei: 68 Prozent der Deutschen sagen, sie haben große Angst vor „politischem Extremismus“ (19 Prozent mehr als im Vorjahr). Platz drei: 67 Prozent aller Deutschen sagen, sie haben große Angst vor „Spannungen durch den Zuzug von Ausländern“ (18 Prozent mehr als im Vorjahr).


Egal, ob man Statistiken und Umfragen glauben will: Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. Sie ist zeit- und kulturübergreifend. Auch wenn sich das, wovor wir Angst haben, ändert, die Angst ist geblieben. Auch wenn sich die Art und Weise, wie wir Angst bekämpfen, ändert – sie ist scheinbar nicht aus der Welt zu schaffen, die Angst.


Wenn man sich die Angst mal ohne Angst anschaut, dann merkt man, dass sie einen Doppelaspekt hat: Angst kann uns aktiv machen, und Angst kann uns lähmen. Es gibt so etwas wie die gute Angst – eine gesunde Vorsicht, die Kinder davon abhält, heiße Herdplatten anzufassen, oder bei anderen ins Auto zu steigen, oder die einen Mann davon abhält, sich einfach so anzuziehen, wie er es gerne möchte, ohne zuerst seine Frau zu fragen.


Es scheint praktisch nichts zu geben, wovor wir nicht Angst entwickeln könnten. Man kann die Ängste unterscheiden. Da ist zum Beispiel die „Realangst“, also die Angst vor einer reellen Gefahr, der ist gegenüber stehe. Die spürt der eine, wenn er an einem Abgrund entlang gehen muss, der andere wenn die Spinne aus der Ecke hervorkriecht.


Aber es gibt auch so etwas wie die „Gewissensangst“, also Angst, die aus bestimmten Überzeugungen oder Vorstellungen in mir entsteht. Sie ist eine Folge von bestimmten Erfahrungen, die ich gemacht habe oder auch der Erziehung. Dazu gehört zum Beispiel die Angst vor der Versagen oder die Angst, sich zu blamieren, wenn man vor vielen Menschen sprechen muss.


Und es gibt auch die „Zukunftsangst“, also Angst vor bestimmten Ereignissen, die mir widerfahren, die ich nicht planen oder kontrollieren kann. Die Angst vor einem Unglück oder einer Naturkatastrophe, die Angst vor einer unheilvollen Entwicklung, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und nicht zuletzt auch die Angst vor dem Tod.


Und immer, so glaube ich, rühren unsere Ängste an die ganz großen Fragen der Menschen (Woher komme ich? Wohin gehe ich? Woher nehme ich meine Kraft? Bin ich wertvoll? Bin ich geliebt?) und an die tiefen und ganz persönlichen Lebensfragen, die wir alle mit uns herumtragen. Deshalb ist unsere Frage nach der Angst auch eine zutiefst religiöse Frage.


Wie also kann man mit seinen Ängsten umgehen? Ich möchte es an einer Geschichte

deutlich machen. Es ist vier Uhr morgens. Die Freunde von Jesus, die Jünger, sind mit einem Boot auf dem See Genezareth unterwegs. Man sieht noch nicht mal die eigene Hand vor Augen. Die ganze Nacht haben die Jünger schon mit dem Sturm auf dem See gekämpft. Sie sind durchnässt, erschöpft, verängstigt und sauer auf Jesus. Wo ist er, wenn man ihn braucht, wenn es einem richtig dreckig geht? Wenn einem die Angst in den Knochen sitzt? Warum ist er nicht da? Der Wind zerreißt ihr Segel, die Wellen schlagen über ihrem Boot zusammen. Todesangst kriecht in ihre Knochen. - Ja, da ist sie, die Angst, die wir alle kennen. Die Angst, unterzugehen in diesem Leben. Verloren zu sein.


Zu allem Überfluss entdecken sie etwas, das auf dem Wasser auf sie zugeht. „Ein Gespenst!“ schreien sie vor Angst. Sofort sprich Jesus sie an: „Habt keine Angst! Ich bin es doch.“


Und jetzt kommt die eigentlich spannende Szene. Eben noch halb tot vor Angst ruft Petrus zu Jesus herüber: „Herr, wenn Du es wirklich bist, dann befiehl mir auf dem Wasser zu dir zu kommen!“ Ich bin kein Profi, aber ich kann mir vorstellen, dass es schon am helllichten Tag und bei gutem Wetter schwierig ist, aus dem Boot zu steigen und auf dem Wasser zu gehen. Aber mitten im Sturm, mitten in der Nacht? Jesus sagt nur ein Wort: „Komm!“


Petrus tritt an den Rand des Bootes. Die anderen Jünger starren ihn an. Er hebt einen Fuß über die Reling und klammert sich dabei krampfhaft fest. Dann den anderen Fuß. Seine Fingerknöchel treten weiß hervor. Und dann tut er etwas zutiefst Religiöses. Er lässt los. Im Vertrauen auf diesem Jesus liefert er sich voll und ganz der Macht dessen aus, der gesagt hat „Komm!“. Und plötzlich, zum ersten Mal in der Geschichte, geht ein ganz normaler Mensch übers Wasser. Drei, fünf, zehn Schritte geht er auf Jesus zu. Da wird ihm auf einmal bewusst, was er tut. Das ist doch gar nicht möglich. Kein Mensch kann auf dem Wasser gehen.


Er schaut weg von Jesus, auf die hohen Wellen, und da ist sie wieder: diese unbändige Angst davor, unterzugehen in diesem Leben – im selben Augenblick beginnt er zu sinken. „Hilf mir, Herr!“ schreit er. Sofort streckt Jesus seine Hand aus, zieht ihn hoch mit den freundlichen Worten: „Warum hast du so wenig Vertrauen?“ Beide steigen in das Boot, und sofort legt sich der Sturm.


Ich lerne aus dieser Geschichte drei Dinge über den Umgang mit der Angst:


1) Angst besiegt man nur, wenn man aus dem sicheren Boot heraussteigt und sich der Angst stellt.

So wie Petrus es getan hat, der sich gerade nicht im Boot verkrochen hat. Das ist nicht nur eine Frage des Glaubens. Auch Therapeuten behandeln so ihre Patienten. So unterschiedlich die Therapien auch sein mögen, immer geht es darum, der Angst zu begegnen, sich ihr zu stellen, um so einen Weg zu finden, mit ihr zu leben und sie zu überwinden. Wenn wir uns unseren Ängsten nicht stellen, wenn wir versuchen, ihnen auszuweichen, werden wir sie nicht überwinden können. Der Versuch, die Angst zu unterdrücken, sie nicht mehr erleben zu wollen und zu vermeiden, macht die Angst nur umso mächtiger. Jedes Ausweichen vor ihr ist wie eine kleine Niederlage, die uns schwächt. Jeder Mut, sich der Angst zu stellen, ihr entgegenzutreten, ist der erste Schritt zu einem Sieg, der uns stärker macht. Die Gegenkraft gegen die Angst ist das Vertrauen. Deshalb lautet mein zweiter Punkt:


2) Vertrauen muss man wagen. Wir mögen es vielleicht spüren, dass das Leben aus mehr bestehen muss, als nur im Boot seiner Ängste zu hocken. Aber wir kommen da nicht heraus, wenn wir uns zuvor alles theoretisch klar machen und sicher planen wollen. Vertrauen ist ein Wagnis. So wie Petrus es wagt, auf die Einladung Jesu hin. Ja, er tut sogar noch mehr: Er fordert Jesus heraus: „Wenn Du es bist Jesus, wenn es Dich gibt, Gott! Dann befiehl mir, zu dir zu kommen.“ Ohne das Vertrauen zu wagen, hätte er es nicht herausgefunden, dass das scheinbar Unmögliche doch möglich ist. So, wie man auch das Schwimmen nicht dadurch lernt, dass man sich theoretisch klar macht, wie das funktioniert. Sondern man lernt es nur so, dass man es wagt, ins Wasser zu gehen, und darauf vertraut, dass es möglich ist, nicht unterzugehen. Vertrauen muss man wagen. Auch das Gottvertrauen. Sie werden nie erfahren, ob Gott vertrauenswürdig ist, wenn Sie nicht riskieren, ihm auch tatsächlich zu vertrauen.


3) Nun kann man sagen: Petrus ist auch wieder untergegangen. Das stimmt. Die Angst wird nie ganz verschwinden. Deshalb muss man das Vertrauen nähren. Weil jeder Schritt aus dem Boot einen Aufbruch in unbekannte Bereiche bedeutet. Neue Herausforderungen. Wir können uns nur neue Gebiete erschließen, wenn wir uns der Angst stellen. Jedes mal, wenn Sie sich dem aussetzen, werde Sie Angst haben. Angst und Vertrauen kämpfen schon seit Urzeiten um Ihr Herz. Irgendwann wird das eine oder das andere gewinnen. Stellt sich die Frage: Wen von beiden unterstütze ich, nähre ich in mir? Deshalb ist es so wichtig, nicht nur Angst vor der Angst zu haben, sondern das Vertrauen zu nähren. Damit es schon da ist, damit es stark ist, wenn der Sturm kommt (so wie man Schwimmen nicht erst dann lernen sollte, wenn man ins Wasser fällt).


Wie nähre ich das Vertrauen? Mir fallen mehrere Möglichkeiten ein:

1. durch dankbares Schauen auf Gottes Wirken in der Vergangenheit. Ja, man kann das Gelingen und das Beschenktsein sammeln!

2. durch regelmäßigen Umgang mit Gottes Wort, der guten Nachricht für mich, dass da einer ist, der mich mehr hält und trägt, als ich mir das vorstellen kann.

3. durch ein Umfeld, das mein Vertrauen stützt, wie zum Beispiel eine Gemeinde, in der ich leben und wachsen kann.

4. durch Beschäftigung mit der Person Jesu, der d i e vertrauenserweckende Maßnahme Gottes ist.

5. durch persönlichen Zuspruch in Seelsorge und Segen.


Das Vertrauen nähren. Sich auf den Weg machen, ohne zu verstehen, sondern Vertrauen lernen. Das ist wohl auch der Grund, dass in der Bibel keine Forderung so häufig vorkommt, wie die diese: „Fürchte dich nicht!“. Jemand hat mal ausgerechnet genau 366 mal. Für jeden Tag einmal – sogar für das Schaltjahr. Jeden Tag lädt Jesus mich ein: „Hab keine Angst!“ Na, komm schon: steig aus dem Boot!

Danke für‘s Zuhören.


Pastor Lutz Tietje

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