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"Die Lust am Lästern" - Die Predigt im Go!Special am 14. Mai 2017

Pastor Lutz Tietje bei seiner Predigt vom Bistrotisch (Foto: M. Knoop)

 

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort)

 

Liebe Go!Special-Freunde!

Zu dem griechischen Philosophen Sokrates kam eines Tages ein Bekannter und sagte: »Hey, ich muss dir über einen deiner Freunde eine irre Geschichte erzählen, die ist wirklich unglaublich, Pass auf..."

„Halt“, sagte Sokrates, „hast du deine Geschichte schon durch die drei Siebe gefiltert?"

„Hä? Wieso Siebe? Die Story ist einfach gut, lass mich doch erst mal erzählen.“

Sokrates blieb hart: „Also, das erste Sieb ist die Wahrheit. Ist die Geschichte, die du mir erzählen willst, wahr?"

„Naja, was heißt schon wahr. Ich habe sie von einem gehört, der kennt den Zwillingsbruder von der, die dabei gewesen sein will."

Sokrates fuhr fort: „Du weißt es also nicht. Gut, testen wir das zweite Sieb, das der Güte. Kommt die Person, von der die Geschichte handelt, darin gut weg?"

„Nein, ganz im Gegenteil, das ist ja das Interessante.“

„Dann“, fragt der Philosoph weiter, „bleibt noch das dritte Sieb, nämlich das der Notwendigkeit. Gib es einen triftigen Grund, warum du mir das alles erzählen willst?"

„Na ja, notwendig ist es nicht - aber lustig!“

„Weißt du“, sagt Sokrates, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, dann erspare es mir und belaste weder dich noch mich damit."


Unter uns: Ich finde Sokrates blöd. So anständig möchte ich gar nicht sein. Also immer und überall auf eine gute Geschichte verzichten… Ich merke, wie neugierig ich doch bin.


Immerhin kann man eines bei Sokrates auf alle Fälle lernen: Die Bösen sind keinesfalls nur die, die über andere lästern, sondern auch die, die gerne solche Geschichten hören. Wenn niemand mehr darauf anspringen würde, verlören die Lästerer schnell die Lust. Also: Man sollte nicht über Lästerer lästern, wenn man selbst gern Lästerer lästern hört.


Und gerade weil das Lästern eine solche Anziehungskraft hat, ist es gut, sich noch einmal klar zu machen, wie genau das Lästern eigentlich funktioniert. Läster-Profis kennen sie vielleicht schon, aber hier ist sie nochmal für alle – die ultimative Fünffinger-Lästerregel:


1. Wenn lästern, dann richtig. Je schlechter Sie einen anderen Menschen machen, desto besser stehen Sie da.

2. Das Elend verallgemeinern. Halten Sie sich nicht mit Einzelerfahrungen auf, machen Sie Menschen ganz fertig.

3. Alle Fakten mindestens mit zehn multiplizieren. Was macht es schon aus, ob jemand einmal oder fünfmal hingefallen ist. Seien Sie großzügig.

4. Lästersprache benutzen. Das heißt: Viel „Wahnsinn“, „irre“, „unglaublich“, „uooh“ usw." Der Ton macht die Kritik.

5. Andeuten, dass das alles nur die Spitze des Eisbergs ist. Zuhörer wollen keine Einzelepisoden, sondern durch und durch fragwürdige Charaktere kennen lernen.


Ein Beispiel für die Anwendung. Nehmen wir nochmal den Mike aus dem Theaterstück vorhin. Mike ist gestolpert. Sie könnten einfach erzählen: Mike ist gestolpert. Nur: Das würde keine Sau interessieren. Jetzt tritt die Fünffinger-Lästerregel in Kraft. 1. Der Mike hat sich neulich unglaublich blamiert. 2. Na ja, war ja auch nicht anders zu erwarten, 3. Da fällt der doch an dem Abend bestimmt siebzehnmal so unglaublich auf die Brezel, dass es kracht. 5. Kein Wunder, bei dem Lebensstil.


Wir spüren die Kraft, die Anziehungskraft, die im Lästern steckt. Aber wir spüren auch die Gefahr, das Unangenehme, das, was wir mit der Zunge anderen Menschen antun können.


Warum ist Lästern so gefährlich? Weil Lästern befreit, aber nichts positiv verändert! Und darum hat es Aspekte einer Sucht! Wir fühlen uns kurzfristig entlastet, aber wir brauchen es immer wieder. Es ist wie beim Alkohol: Es gibt gesunde und ungesunde Mengen. Noch einmal: Lästern hat eine begrenzt befreiende Funktion, und der möchte ich auf den Grund gehen, indem ich mit Ihnen versuche, das Phänomen wirklich zu ergründen.


Was ist Lästern? Warum fasziniert uns das so? Ich glaube, dass es dafür vier sehr ernste Gründe gibt:


Erstens: Ich stehe besser da.

Wer lästert, der tut das, weil ein ganz einfaches Prinzip gilt: Wenn ich einen anderen kleiner mache, dann werde ich größer. Je spöttischer ich über andere rede, desto deutlicher sage ich: Ich bin natürlich ganz anders. Lästern gibt mir also die Möglichkeit, mein Selbstwertgefühl zu steigern. Aber: Das ist eine sehr schwache Art, selbstbewusst zu werden. Wer sich nur stark fühlt, wenn er andere klein macht, sagt damit, dass er überhaupt kein Selbstbewusstsein hat. Da er es nicht schafft, aus eigener Kraft größer zu werden) drückt er andere runter. Das kann man überall erleben: Diejenigen, die am Unsichersten sind, unterdrücken am meisten. Wer lästert will sich also von dem Gefühl befreien: Ich bin nicht wertvoll (genug).


Zweitens: Ich muss nicht vollkommen sein

Wer lästert, der genießt noch etwas anderes: Bei all dem vielen Versagen und all den Fehlern, über die ich mich amüsiere, fallt es mir leichter, mit den eigenen Schwächen zuleben. Viele Menschen leiden sehr an ihrer Unvollkommenheit - mehr als wir denken. Aber sie haben keinen Mut, sich ihren Fehlern zu stellen und daran zu arbeiten, also trösten sie sich mit dem Scheitern anderer. Große Lästerer haben oft große Probleme, sich selbst anzunehmen. Sie nehmen die Schwächen anderer wie Nahrung auf, die ihnen die Kraft gibt, nicht an der eigenen Begrenztheit zu verzweifeln. Wer lästert will sich also von dem Gefühl befreien: Ich mache Fehler.


Drittens: Ich kann Distanz wahren

Wer lästert, der hat eine gute Möglichkeit, Aggressionen abzubauen. Ich kann das an mir beobachten: Ich lästere über jemanden, und die Wut, die ich auf diese Person habe, findet einen Kanal und läuft ab. Da ich nur mit Dritten rede, muss ich keine große Verantwortung für meine Geschichten übernehmen, kann freigebig mit guten Ratschlägen um mich werfen und mich vor einer offenen Konfrontation drücken. Dahinter steckt natürlich viel Feigheit, die Wahrheit zu sagen. Wer lästert will sich also von dem Gefühl befreien: Ich bin wütend.


Viertens: Ich führe ein interessantes Leben

Wer lästert, der ist nicht nur interessiert, der ist auch interessant. Es gibt Leute, zu denen geht man gerne, weil die immer kleine Heimlichkeiten ausplaudern oder süffisante Anekdoten zum Besten geben können. Wer etwas hat, über das er reden kann, der ist in Gesellschaften ein gern gesehener Gast. „Ich kenne viele intime Details, ich bin unterrichtet, ich bin ein Mensch von Welt." An ein solches Denken kann man eigentlich nur eine einzige Anfrage stellen: Warum lebst du von anderen? Ist dein eigenes Leben so langweilig, dass du nichts Eigenes zu bieten hast? Musst du dir die Missgeschicke anderer holen, um Anerkennung zu finden? Wer lästert will sich also von dem Gefühl befreien: Ich bin langweilig.


Wann ist Lästern also gut? Wenn es mir hilft, nicht in Minderwertigkeitskomplexe abzurutschen, nicht wegen meiner Fehler zu verzweifeln, nicht wegen jeder Wut sofort handgreiflich zu werden und darüber hinaus die Vielfalt des Daseins zu erfahren. Aber glauben Sie, dass das ein gelingendes Leben ist? Nein! Lästern kann die Symptome abmildern, aber damit sind die Probleme nicht gelöst. Sie werden nur einen Moment verdrängt. So wie ein Drogenabhängiger nach einem Schuss glaubt, es sei alles gut, ohne zu merken, dass er eigentlich immer mehr in die Verzweiflung hineinrutscht. Lästern ist eine Sucht.


Wie sähe ein Mensch aus, der es nicht nötig hat zu lästern?

Das wäre jemand, der ein wirklich gesundes Selbstvertrauen hat, weil er sich so annehmen kann, wie er ist, jemand, der aus seinen Fehlern lernt und seine Schwächen akzeptiert, jemand, der Mut hat, die Wahrheit zusagen und der erkannt hat, wie aufregend das eigene Leben ist.


Wissen Sie, was diese Definition ist? So beschreibt die Bibel einen Menschen, der in einer lebendigen Beziehung mit Gott lebt. Das ist die Kurzfassung der Botschaft Jesu! Denn die lautet im Kern:

1. Gott hat dich so lieb, dass es keinen Grund mehr gibt, an deinem Wert zu zweifeln.

2. Gott will nicht, dass wir Fehler machen, aber er weiß, dass es immer wieder passiert. Darum gibt es Gnade. Gnade heißt: Verzweifle nicht an deinen Schwächen. Du bist trotzdem geliebt. Gott will gerade, dass das verlogene Leben auf zwei Ebenen aufhört. Sei in dir stimmig.

3. Dazu gehört die Freiheit, anderen die Wahrheit zu sagen

4. Wenn du erkennst, wie reich du von Gott mit Fähigkeiten beschenkt bist, dann wirst du in deinem eigenen Leben so viel Interessantes entdecken, dass du dich nicht mehr mit den fremden Unglücks-Federn irgendwelcher Pechvögel schmücken musst.


Wenn man es genau betrachtet, die Lust am Lästern also eigentlich ein Lust am Leben, die bis in die Tiefe reicht. Eine Sehnsucht nach Leben, das erfüllt ist mit Sinn, eine Sehnsucht nach Liebe und Geliebtwerden, auf die Gott antwortet. Und dieser Sehnsucht und diesem Gott bleibe ich gern auf der Spur.

Danke für‘s Zuhören.

 

(Pastor Lutz Tietje)

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