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Predigt zum Go!Special am 18.02.2018: "Unterwegs mit leichtem Gepäck - Vom Luxus des Fastens"

Pastor Lutz Tietje während der Predigt (Foto: M. Knoop)

(Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Es gilt das gesprochene Wort)

 

Liebe Go!Special-Freunde!


Ich betrete diesen Ausrüstungsladen [Verweis auf das Theater und das Bühnenbild] mit einer speziellen Frage: Was brauche ich für meinen Weg durchs Leben? Was ist wirklich nötig, um gut leben zu können? Damit es mir gut geht, damit ich erfüllt bin, damit mein Leben sich so anfühlt wie ein Stück Himmel auf Erden? Was brauche ich dazu? Was muss ich tun? Was muss ich haben?


Wenn ich so frage, wird schnell deutlich, dass ich in diesem Ausrüstungsladen wohl nicht fündig werden kann. Ein erfülltes Leben, ein Stück Himmel auf Erden, das ist keine Frage der Ausrüstung. Das ist nicht abhängig von dem, was ich besitze, sondern eher von der Frage, wie ich lebe.


In einer Überflussgesellschaft, in der wir leben, haben wir alle inzwischen die Erfahrung gemacht, dass die Frage nach dem Glück, dem erfüllten Leben sich nicht durch ein „Immer mehr“ beantworten lässt. Im Gegenteil! Es ist alles zu viel: Zu viele Dinge, die ich besitze und verwalten (und bezahlen!) muss, zu viele Termine, zu viel Arbeit, zu viel Tempo. Wer intensiver leben will, der versucht heutzutage zu entrümpeln, zu entschlacken, zu entschleunigen, Ballast abzuwerfen.


Wenn auf diese Weise das Fasten und Verzichten modern geworden ist, dann steht dahinter mehr als nur die ganz praktische Überlegung, ob ich jetzt in der Passionszeit sieben Wochen auf Alkohol, das Auto oder die Süßigkeiten verzichten soll. Dann steht dahinter eine große Lebensfrage. Eine Sehnsucht, die wir alle kennen: Ich möchte erfüllt und glücklich leben. Ich möchte intensiv und in Einklang mit meinen Mitmenschen leben. Ich sehne mich danach, ein Stück Himmel auf Erden wieder und wieder zu erleben für mich und mich anderen. Es muss doch möglich sein, mehr Leben ins Leben zu bekommen.


Tobias hat seine Antwort auf die Frage nach dem Himmel auf Erden gefunden. Tobias kennt die Statistik, nach der ein Durchschnitts-Europäer etwa 10.000 Dinge besitzt. Ob das wirklich stimmt, und wer diese Dinge eigentlich gezählt haben will, das ist Tobias egal. Der 27-Jährige weiß, dass er so oder so weit unter dem Durchschnitt liegt. Sehr weit. Sein gesamter Besitz passt in einen Umzugskarton. Und mehr möchte er auch nicht haben, auf gar keinen Fall.


Klamotten? Braucht er nicht. Im sogenannten "Liebermensch-Haus" in Mainz, wo er mit neun Mitbewohnern lebt, gibt es einen Gemeinschaftskleiderschrank für alle. Was dort landet - Hosen, Pullis, T-Shirts - dürfen alle tragen. Nur für Unterhosen und Socken hat Tobias ein eigenes Fach. Bücher stehen im Gemeinschaftsregal, ebenfalls für alle nutzbar. Möbel und Küchengeräte, die die Bewohner auf die zwölf Zimmer im Haus verteilt haben, hat die Truppe geschenkt bekommen oder auf dem Sperrmüll eingesammelt. Von einem örtlichen Supermarkt bekommen sie Lebensmittel, bei denen das Verfallsdatum vor Kurzem abgelaufen ist. Sechsmal pro Woche holen die Bewohner dort die Reste ab.


"Geldfreier leben" nennt Tobias diese Lebensphilosophie. Zusammen mit seiner Freundin Pia hat er das Liebermensch-Haus gegründet. Er war Anfang 20, als er begonnen hat, sein Leben umzukrempeln. Anders zu leben. Anstoß dazu waren Fragen, die er sich gestellt hat, und die viele junge Menschen sich stellen: Warum lebe ich, wie ich lebe? Und wo will ich eigentlich hin?


Heute gibt es ein Schlagwort für Menschen wie Tobias. Man nennt sie Minimalisten. Leute, die das Fasten und Verzichten quasi zu ihrer Lebensphilosophie gemacht haben. Und zwar aus dem Grund: Weil sie mehr Himmel auf Erden wollen. Für sich und für alle. Himmel auf Erden – das fängt für Leute wie Tobias damit an zu fragen: Was brauche ich wirklich? Was liebe ich wirklich? Was will ich wirklich? Sich selbst und das, was mich wirklich glücklich macht, wahrnehmen. Tun, was ich wirklich will. Arbeiten, was mich erfüllt. Nicht arbeiten, um Geld zu verdienen, das ich für Dinge ausgebe, die ich nicht wirklich brauche.


Wie würde ich antworten? Wie würde Ihre Antwort aussehen auf die Frage: Warum lebe ich, wie ich lebe? Und wo will ich eigentlich hin? Was brauche ich wirklich? Was will ich wirklich? Ist da genug Leben in meinem Leben?


Ja, ich denke, dass es bei der Frage nach dem Fasten und Verzichten wirklich um diese großen Lebensfragen geht. Sieben Wochen ohne Fernsehen oder ohne Süßigkeiten, das ist zwar nicht schon der Himmel auf Erden, aber es ist ein Anfang. Es ist ein bisschen wie die Spur aufnehmen. Zumindest mal anzufangen mit der Frage: Was brauche ich wirklich?


In der Bibel gibt es eine wunderbare Geschichte, die so etwas wie die „Urgeschichte“ aller Minimalisten sein könnte (nachzulesen im Markusevangelium, Kapitel 10, Verse 17 bis 27). Die Geschichte handelt von einem jungen Mann, der genau so fragt: Wie mache ich das, dass mein Leben erfüllt ist? Was muss ich tun, um wirklich ein erfülltes Leben zu haben? Was brauche ich, um ein Stück Himmel auf Erden zu erleben, um selig zu werden?


Jesus sagt: „Du bist doch ein frommer Mann. Du weißt doch, was in der Bibel steht. Was liest du da?“ Der Mann antwortet: „Da lese ich die Gebote, die Gott uns gegeben hat: Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Diese Gebote habe ich alle gehalten!“ So sagt es der Mann, als wäre das Leben dadurch himmlisch, dass wir eine bestimmte moralische Leistung erbringen.


Jesus antwortet ihm: „Eins fehlt Dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. Und dann komm und folge mir nach.“ Da wurde der Mann ganz traurig, drehte sich um und ging fort.


Jesus antwortet dem jungen Mann nicht mit einer noch rigideren moralischen Forderung, sondern er antwortet ihm mit der Herausforderung, das Leben, wonach er sich wirklich sehnt, auch wirklich zu ergreifen. Das „Verkaufe alles, was du hast“ ist kein neues Gesetz, keine universal gültige Anweisung für alle Menschen, keine neue Weltwirtschaftsordnung, sondern ganz konkret für diesen jungen Mann die Herausforderung.


Die Pointe aber von Jesu Antwort liegt nicht bei „Verkaufe alles was du hast“, sondern bei „Folge mir nach!“ Den Himmel auf Erden zu erleben, das ist ein (lebenslanger) Weg, auf den der Fragende hier eingeladen wird. Der junge Mann wird eingeladen, einen Weg mit Gott zu gehen, ihn zu begleiten, sich von ihm herausfordern zu lassen, sich von ihm trösten zu lassen, korrigieren zu lassen. Die Lösung für den jungen Mann liegt nicht in einer moralischen Tat, sondern in einer Beziehung, der Beziehung zu Gott.


Die Tatsache, dass der junge Mann diesen Weg nicht gehen kann, zeigt, dass er innerlich nicht frei dazu ist. Loslassen, weggeben, verzichten, um umso mehr Leben zu gewinnen, das kann er augenscheinlich (noch) nicht. Es geht Jesus hier also nicht um eine äußere Forderung, sondern um die innere Freiheit. Das ist es, was uns den Himmel auf Erden erleben lässt, dass wir mit Gott auf dem Weg sind und innerlich frei, wieder und wieder so zu fragen: Was brauche ich wirklich?


Das ist auch meine Herausforderung bis heute: Was kannst Du loslassen von den Dingen, von dem Besitz, von dem du meinst, es garantiere dir ein erfülltes Leben? Was kannst Du loslassen, um wirklich das Leben, erfülltes Leben zu finden? Jesus sagt zu dem jungen Mann: Folge mir nach! Bleib in einer Beziehung mit Gott. Vertraue darauf, dass es in dieser Beziehung mit Gott möglich ist, den Himmel auf Erden zu erleben.


In dieser Beziehung zu Gott erlebe ich mein Leben noch einmal ganz anders: Dass ich lebe und heute hier bin, dass ich heute morgen aufgewacht bin, das ist nicht mein Besitz und auch nicht durch ein moralisch einwandfreies Handeln verdient. Das, was ich bin, was mich groß und wertvoll macht, das ist geschenkt von Gott. Das ist geschenkt jeden Tag neu. Geschenkt so wie das Lied der Amsel am Morgen, geschenkt wie der Satz „Ich liebe dich“, geschenkt wie die Geburt des Kindes, bei der ich dabei sein durfte. Gott füllt mein Leben. Das macht mein Leben groß und wertvoll.


Das, was mich bei diesem ganzen Fragen nach Fasten und Verzichten wirklich umtreibt und unruhig macht, ist diese Frage: Schaffst Du es, darauf zu vertrauen, dass du dein Leben geschenkt bekommst, dass du es dir nicht verdienen und durch Besitz sichern musst? Schaffst du es, hinter all dem, was du besitzt und dir meinst, verdienen zu müssen, das Leben zu entdecken, das dir schon längst geschenkt ist, und das zu teilen? Den einen Moment, in dem du einem anderen Menschen in die Augen blickst. Den einen Moment, in dem du den Sonnenaufgang bestaunen kannst. Den einen Moment, in dem du weißt: Gott hat längst für mich gesorgt.


Danke für‘s Zuhören.

(Pastor Lutz Tietje)


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