Aktuell
Wer wir sind
Gottesdienst
Go!SpecialDas KonzeptDas TeamGo!Special GlaubenskursRückblick
Glaube
Aktivitäten
Paulz
Jugend
Kindertagesstätten
Service
Home > Go!Special > Rückblick > 2018-10-21 > 2018-10-21_Predigt

Predigt im Go!Special am 21. Oktober 2018 "Danke - sag ich nicht, brauch ich nicht!"

Pastor Lutz Tietje (Foto: Marion Knoop)

Das hier Aufgeschriebene gibt die frei gehaltene Predigt nicht eins zu eins wieder. Im Vortrag wurden sicherlich an der ein oder anderen Stelle andere Formulierungen oder Erläuterungen gebraucht. Es gilt in jedem Fall das gesprochene Wort. :-)

 

Liebe Go!Special-Freunde!

 

Rudi, der sich nach dem Vorruhestand sehnt, Hedwig, die alte Dame, die sich mit dem Umzug ins Pflegeheim abfinden muss, und Marius, der ewig unzufriedene Marius – sie alle, von denen wir eben im Theaterstück gehört haben, verbindet eines: Sie wollen glücklich sein. Das ist ein Anliegen, eine Hauptantriebskraft, die wahrscheinlich uns alle verbindet: Wir wollen glücklich sein.


Aber nun geht es den Engeln, die wir im Theater gerade bei ihrer Konferenz beobachtet haben, anscheinend gar nicht so sehr um das Glück ihrer Menschen, sondern vielmehr um die Dankbarkeit. Jedenfalls ist das das Fazit, wenn der eine Engel zum Schluss sagt: „So sind sie halt, die Menschen: Danke sagen? Braucht man das?“


Scheinbar gibt es also einen Zusammenhang zwischen Dankbarkeit und Glücklichsein – nur welchen? Spontan würden wir vielleicht antworten: „Ist doch klar: Wenn man glücklich ist, dann kann man dankbar sein.“ Aber man muss nur ein zweites Mal hinhören und hinschauen, bei unserem Theaterstück und auch in unserem Leben, um diese Antwort zu hinterfragen. Wir alle kennen Menschen, die alles oder sehr viel von dem haben, was man zum Glücklichsein bräuchte, aber sie sind nicht glücklich – zum Beispiel weil sie etwas anderes wollen, oder sie haben nicht genug davon. Und wir alle kennen Menschen, die Pech haben, ein Unglück oder eine schwere Zeit erleben – und doch strahlen sie Freude aus, sie sind glücklich, so wie in unserem Theaterstück zum Beispiel die alte Dame Hedwig.


Warum? Weil sie dankbar sind. Hedwig ist dankbar, dass sie ihren Hund um sich haben kann, deshalb ist sie glücklich. Es ist also nicht das Glück, das uns dankbar macht, sondern es ist die Dankbarkeit, die uns glücklich macht.


Umso mehr lohnt es sich zu fragen, was das eigentlich ist: Dankbarkeit. Und wie das funktioniert, dankbar werden. Wir müssen nur auf unsere eigenen Erfahrungen achten: Dankbar werde ich, wenn ich etwas bekomme oder erlebe, was für mich wertvoll ist. Und wenn ich es geschenkt bekomme. Diese beiden Dinge müssen zusammenkommen: Es muss etwas Wertvolles sein, und es muss ein wirkliches Geschenk sein – also ich habe es mir nicht gekauft, ich habe es mir nicht verdient, ich habe nicht gehandelt, nicht dafür gearbeitet – ich bekomme es einfach geschenkt.


Und wenn diese beiden Dinge zusammenkommen, dann entsteht Dankbarkeit in meinem Herzen von ganz allein, und spontan. Ich empfinde Glück.


Und es ist möglich, dass wir das nicht nur hin und wieder erleben. Wir können nicht nur dankbare Erfahrungen machen, sondern wir können Menschen sein, die dankbar leben. Nämlich dann, wenn wir erfahren und es uns bewusst machen, dass eigentlich jeder Augenblick ein Geschenk ist. Jeder Augenblick, dieser Augenblick Leben ist ein Geschenk. Ich habe ihn nicht verdient. Ich habe ihn nicht irgendwie herbeigeführt. Ich kann nicht sicherstellen, dass mir ein weiterer Moment geschenkt wird. Und doch ist er das Wertvollste, das man uns überhaupt schenken kann. Ein Augenblick Leben! Wenn ich diesen gegenwärtigen Augenblick nicht hätte, hätte ich überhaupt keine Möglichkeit, irgendetwas zu tun oder etwas zu erleben. Jeder Augenblick Leben ist ein Geschenk.


Das eigentliche Geschenk in diesem geschenkten Augenblick ist die Gelegenheit. Ich bin dankbar für die Gelegenheit. Es geht also nicht so sehr um den Gegenstand, der mir geschenkt wird. So wie bei Hedwig, die dankbar ist nicht für den Hund an sich, sondern für die Gelegenheit, sich an ihm zu freuen, mit ihm zusammen zu sein. Die Gelegenheit ist das Geschenk in jedem geschenkten Augenblick. Und eine Gelegenheit kann man nutzen oder sie verpassen. Aber ich sie verpasse, bekomme ich eine neue Gelegenheit im nächsten Augenblick geschenkt, immer und immer wieder.


Ich blicke mit den Augen des Glaubens auf dieses Geschenk, und erkenne, dass Gott es ist, der mir diesen Augenblick leben schenkt. Und wer im Augenblick lebt, der lebt in der Gegenwart Gottes.


Das heißt nun ganz gewiss nicht, dass ich für alles dankbar sein kann. Nein, ich kann ganz gewiss nicht für alles dankbar sein. Ich kann nicht dankbar sein für Gewalt, für Krieg, für Unterdrückung oder für Umweltzerstörung. Auf der persönlichen Ebene kann ich nicht dankbar sein für eine Krankheit, eine Verletzung, für den Verlust eines lieben Menschen. Ich sage nicht, das ich für alles dankbar sein kann, sondern, dass ich dankbar sein kann in jedem Augenblick. Für die Gelegenheit.


Ich kann also auch einer schweren Situation so begegnen, dass ich fragen kann: Wozu gibt mir das Gelegenheit? Zum Beispiel zu lernen, zu wachsen, Geduld zu üben – all diese Gelegenheiten werden uns geschenkt. Aber es sind Gelegenheiten. Die, die diese Gelegenheiten nutzen, bewundere ich. Sie machen etwas aus ihrem Leben. Und diejenigen, die scheitern, bekommen eine weitere Gelegenheit. Wir bekommen immer eine neue Gelegenheit. Das ist die wunderbare Vielfalt, der Überfluss, der Reichtum des Lebens.


Nun kann man natürlich fragen, ob es eine Methode gibt, mit der wir uns das zunutze machen können? Kann jeder von uns lernen, dankbar zu leben? Nicht nur hin und wieder dankbar zu sein, sondern in jedem Moment Dankbarkeit zu verspüren?


Es gibt eine einfache Methode dafür: So einfach, dass wir sie schon als Kinder gelernt haben, wenn wir eine Straße überqueren wollen: Stehen – sehen – gehen. Das ist alles.

Doch wie oft bleiben wir stehen? Ich muss nur auf mich selbst achten: Ich hetze durch das Leben, durch meinen Alltag. Ich bleibe nicht stehen. Und so verpasse ich die Gelegenheit, weil ich nicht stehen bleibe. Aber um die Gelegenheit nicht zu verpassen, muss ich zunächst mal stehen bleiben. Innehalten. Wir brauchen so etwas wie Stoppschilder in unserem Leben. Manchmal kommen diese Stoppschilder von außen auf mich zu: Wenn ein besonderes Erlebnis, ein Unglück, eine Krankheit mich zwingt stehen zu bleiben. Aber wir können solche Stoppschilder auch bewusst setzen. Zum Beispiel am Essenstisch: Nicht einfach an den Tisch setzen und losessen – sondern „stehen“. Ein Tischgebet sprechen, eine Kerze anzünden, einander die Hand reichen – was immer zu Ihnen passt – innehalten, um die Gelegenheit nicht zu verpassen.


Und wenn wir anhalten, dann ist der nächste Schritt: das Sehen. Und nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken, fühlen, mit allen Sinnen wahrnehmen den wunderbaren Reichtum, der uns gegeben ist. Er ist unendlich.


Wenn wir unser Herz für diese Gelegenheit öffnen, lädt sie uns ein, etwas zu tun. Das ist das Dritte: Stehen – sehen – und dann gehen und wirklich etwas tun. Meistens bekommen wir die Gelegenheit, etwas zu genießen. Und das macht das Leben aus: zu genießen, was uns geschenkt ist. Aber manchmal lädt die Gelegenheit uns ein, anderen zu helfen, andere glücklicher zu machen, denn nichts macht uns glücklicher, als wenn wir alle glücklich sind.


Dieses „Stehen-Sehen-Gehen“ ist so etwas wie das Rückgrat eines dankbaren Lebens, und es ist zugleich ein sehr kraftvoller Samen. Was aus ihm wächst, kann unsere Welt verändern, und zwar auf eine sehr bedeutende Weise. Denn wer dankbar ist, hat keine Angst. Und wer keine Angst hat, ist nicht gewalttätig. Wer dankbar ist, handelt aus einem Gefühl des Genügens und nicht aus einem Gefühl des Mangels heraus. Man ist zum Teilen bereit. Freut sich an der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen und allen Lebens, und weiß augenblicklich, was es heißt, diese Vielfalt zu respektieren. Eine dankbare Welt ist eine fröhlich Welt, denn dankbare Menschen sind fröhliche Menschen.


Danke fürs Zuhören.

Pastor Lutz Tietje

 

Kontakt

Spenden

Kircheneintritt

Links

Impressum

Seitenübersicht